Aqua-Planing

Warum Funktionskleidung praktisch, hässlich und entlarvend unspontan ist…

Funktionskleidung ist ja eigentlich eine Tautologie. Wir gehen ja erstmal davon aus, dass jede Form von Kleidung eine Funktion hat – und sei es nur, nicht nackig durch die Gegend zu rennen, um nicht gegen gesellschaftliche Normen zu verstoßen. Funktionskleidung hilft uns aber dabei (Schrägstrich: soll uns dabei helfen), der Natur, unserem inneren Schweinehund oder der offenkundigen Lethargie aller anderen zu trotzen. Sie ist nicht nur ausnahmslos unfassbar hässlich, sondern verrät uns auch wahnsinnig viel über ihre Träger.

Radfahren ohne enganliegende, aerodynamische, quietschgrüne Radlerhose? Frevel! Bergsteigen ohne die teuren, neongelben Schuhe mit Leuchtstreifen, Sonnencape und Allwetter-Jacke? Keinesfalls. Skifahren ohne pinke Thermo-Unterbuxe? Nein, nein, nein, wir sind doch nicht verrückt!

Funktionskleidung sagt vor allem eins: Wir sind perfekt ausgerüstet. Wir sind perfekt eingestellt auf alle Unwägbarkeiten. Wir befinden uns in perfekter Sicherheit. Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, was wir wollen und wer wir sind. Wir sind nicht ungeplant losgelaufen, sondern waren vernünftig. All das ist geplant geschehen. Geplant von uns. Unser unglaublicher, menschlicher Intellekt unterscheidet uns schließlich von diesen lächerlichen, instinktgetriebenen Tieren mit ihrem ebenso lächerlichen Funktionspelz.

Hässlichkeit ist dabei ein entscheidendes Kriterium. Denn all die Neon-Quietschfarben, all die sich abzeichnenden Penisse, all die schlechten Schnitte sagen doch eins: Es ist uns vollkommen egal, wie wir aussehen. Viel wichtiger ist, die eigene Überlegenheit zu demonstrieren – und wie ginge das besser als in schreiendem Neon?

All ihr anderen Loser, die ihr in Jeans auf euren Hollandrädern sitzt, während ich in grellem Türkis mit silbernen Leuchtstreifen, Regenbogen-Sonnenbrille und windschnittigem Helm auf meinem Ultraleicht-Rad zwar dieselbe Strecke fahre, insgeheim aber für die Tour de France trainiere. All ihr unvorbereiteten Vollidioten, die ihr mit Regenschirm und normaler Jacke bewaffnet, an einem gewöhnlichen Sonntag aufbrecht, während mich nicht nur meine Marken-Tatzen-Jacke für und gegen jedes Wetter begleitet, sondern für die Pause auf meiner mindestens 33-minütigen Tour auch mein Schweizer Taschenmesser mit ebenso vielen Funktionen. Ach, und für die Pause habe ich – im Gegensatz zu euch uninformierten und ignoranten Versagern – natürlich keinen Müsliriegel dabei, sondern diverses Klappbesteck, Obst und Gemüse in Tupperware und selbstverständlich spezielle Proteinriegel fürs Training: davor, danach, währenddessen. Drüber, drunter.

Um ganz deutlich zu werden: nichts gegen Funktionskleidung. Die ist wirklich praktisch. Nichts gegen die Leute, die sie tragen, wenn sie sie wirklich brauchen. Nur gegen zwei Faktoren etwas: Gegen die Menschen, die sie in jeder Lebenslage meinen, tragen zu müssen, und diejenigen, die es nicht nur finanziell, sondern auch insgesamt einfach übertreiben. Aber vor allem ein großer Meckerer an die herstellende Industrie: Warum zur Hölle muss denn „praktisch“ so oft unfassbar hässlich sein?

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