Eine Art Veredelung

Warum mein Kunstverständnis reifen musste wie guter Wein…

Es ist ungefähr zehn Jahre her, dass ich gegen meinen Willen ein Museum moderner Kunst besuchen musste… äh… durfte. Ich habe weitgehend gelitten. Natürlich fand ich es schon immer toll, zu diskutieren, aber ich war so sehr anti, dass ich das meiste dort als vollkommen sinnlosen Meta-Bullshit abgetan habe. Und es mir damit deutlich zu einfach machte.
Mit Wein ist das ja so: Viele mögen ihn, viele mögen ihn nicht. Einige trinken ihn aus Tetrapaks, andere nur gut belüftet aus speziellen Krügen nach mindestens 10-jähriger Reifungsphase. Ich glaube, mit mir und der modernen Kunst verhält es sich ähnlich. Ich bin noch immer kein künstlerischer Ampelograph (Rebenkenner), aber das Aroma der modernen Kunst erschließt sich mir nicht nur während der Degustation (Probe), sondern durchaus auch noch im Abgang. Und ich erlaube mir sogar inzwischen, das ein oder andere Mal mit angewidertem Gesicht auszuspucken, ohne mich gleich als Banause zu fühlen.
Nun ist ja gerade documenta im schönen Kassel. Die erlebe ich voll mit. Ich verbringe meine Feierabende und Wochenenden an den jeweiligen Ausstellungsorten. Ich renne nicht wie eine Irre an den Kunstwerken vorbei. Ich stelle mich aber auch nicht stundenlang vor sie, bis sich mir ihr Sinn oder Pseudo-Sinn vielleicht doch noch irgendwann erschließt. Außerdem gebe ich zu, etwas nicht zu verstehen oder für den erwähnten Meta-Bullshit abzutun. Ich erlaube mir außerdem, den historischen oder politischen Kontext nicht zu kennen, lausche aber gespannt und um Erkenntnisse reicher in Führungen rein, um die Kunstwerke dann noch einmal neu anzugucken.
Die Kunst und ich, wir haben mittlerweile also eine weitaus entspanntere Beziehung zueinander. Während ich mich früher von ihr unter Druck gesetzt gefühlt habe, um nicht als Banause in meinem Bildungsbürgermilieu zu gelten, haben wir mittlerweile unseren Frieden miteinander geschlossen.
Und zwar, weil ich mir selbst erlaubt habe, sie hässlich und belanglos zu finden (auch das, was auf der documenta gezeigt wird!). Denn nur da, wo Hässlichkeit und Belanglosigkeit ist, da kann auch das Gegenteil sein. Das führt wiederum dazu, dass es Kunstwerke gibt, die mich vermutlich in einigen Jahren noch nicht ganz losgelassen haben. Die ich wunderschön oder inhaltlich beeindruckend finde – oder sogar beides.
Kunst bedeutet für mich momentan, etwas zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu erleben, wahrzunehmen, das mich in irgendeiner Weise beeindruckt. Das mich beschäftigt und zum Nachdenken anregt. Das kann eine meterlange Stickerei sein, für die die Künstlerin sich wahnsinnig Mühe gegeben hat und Zeit gebraucht hat ohne Ende – genauso gut kann es aber auch ein pinker Teppich auf dem Boden sein, mit dem der Künstler vermutlich gar nicht so irre viel zu tun hatte. Entscheidend ist, dass ich über das Warum nachdenke: Warum hat der Künstler das gemacht? Was wollte er damit ausdrücken? Was wollte er auslösen? Aber vor allem: Was löst es denn in mir aus? Komme ich mir einfach veräppelt vor (schlecht), fühle ich mich ironisch angesprochen (ganz gut) oder denke ich wirklich über irgendetwas nach (perfekt)?
Wenn ich es nun noch schaffe, Wein trinkend durch die Hallen der Kunst zu schlendern und mich an den Objekten zu ergötzen, ohne mich ständig über mich selbst lustig machen zu müssen, dann hab ich’s doch eigentlich geschafft!

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