Au Retour, au Retour!

RetourenWarum man vielleicht 2x überlegen sollte, etwas zurückzuschicken – oder überhaupt zu bestellen…

Im Internet zu bestellen, ist fraglos superbequem. Ein paar Klicks und schon ist der Warenkorb gefüllt, gekauft, bezahlt. Fertig. Gerade in der Vorweihnachtszeit ein Komfort, den die meisten von uns – ich nehme mich selbst da überhaupt nicht aus – nicht mehr missen möchten. Und das Tollste ist: Bei Nichtgefallen kann man das Bestellte ganz einfach zurücksenden. Teilweise sogar mit Abholung an der eigenen Wohnungstür. Grund genug, diesen Trend einmal zu hinterfragen.

Ich werde das Onlineshopping nicht aufhalten, will ich auch gar nicht. Ich selbst habe dieses Jahr im Rahmen eines Umzugs wahnsinnig viel online bestellt. Einfach aus den genannten Komfortgründen. Warum selbst schleppen (ich gebe zu, dass ich klein, schmal und schwächlich bin), wenn das auch die nette DHL-Botin, der UPS-Mann, der geflügelte Hermesianer und der DPD-Braune tun? Gerade 18kg-Säcke Katzenstreu sind einfach toll online zu ordern.

Tatsächlich sind dieses Mal Sachen dabei gewesen, die mich zu Retouren gezwungen haben. Eine gerissene Müslischale, ein Poster mit Loch, ein defektes Gadget (ich habe ausschließlich sehr wichtige Dinge bestellt). Die Rücksendung via Amazon ist dabei gefühlt noch simpler als bei anderen Händlern: Hier wird sogar angeboten, die Retourenpäckchen direkt zuhause abholen zu lassen. Das ist für den modernen Faulpelz natürlich ein Riesending. Nur aufstehen, ein paar Schritte zur Wohnungstür, und schwupps, hat sich die Angelegenheit erledigt. Abgesehen davon, dass Ersatz schon gesendet wird, bevor der umzutauschende Artikel überhaupt zurückgeschickt worden ist. Das ist das 100%-sorglos-und-feel-good-Paket für Mr. und Mrs. Lazybone, um ihnen den Gang in die Stadt, im schlimmsten Fall noch nach Feierabend und in Eiseskälte abzunehmen. Dass das die örtlichen Geschäfte vollkommen zunichtemacht, brauche ich gar nicht mehr großartig auszubreiten, das wissen wir alle (und nehmen es mehr oder minder bewusst in Kauf).

Meine Eltern argumentieren bei jeder Anschaffung, die sie lokal tätigen, sie hätten dann eben einen direkten Ansprechpartner, „wenn mal was ist“. Aber wozu brauche ich den noch, wenn mir ein solches Servicepaket geboten wird? Ob da ein Artikel wirklich kaputt ist, ich den gegebenenfalls sogar selbst zerstört habe, das ist vollkommen wurscht. „Wenn mal was ist“, retourniere ich eben. Was mit diesen Produkten passiert, weiß ich nicht. Amazon bietet die sogenannten Warehouse Deals an: Retouren, die noch gut genug zum Wiederverkauf sind. Da lassen sich Schnäppchen machen und ich halte es sowohl aus ökonomischer wie auch aus ökologischer Sicht für die einzig richtige Möglichkeit, mit den zurückgesendeten Waren umzugehen – eine Win-Win-Situation für Kunde und Anbieter, die sich aber erst aus dem eigentlichen Umstand der Retouren ergibt.

Schauen wir uns das Ganze mal in Zahlen an, um die ganze Abartigkeit nachvollziehen zu können. Pro Jahr gibt es allein in Deutschland zwischen 250 und 300 Millionen Päckchen, die sich auf dem Rückweg zum Händler befinden. Das sind täglich zwischen 800.000 und einer Million! Interessant ist auch, was zurückgegeben wird: Bücher und Medien am wenigsten, nicht mal 10%. Das ergibt auch Sinn: Hier weiß der Kunde ja, was ihn erwartet. Im elektronischen Bereich sind es durchschnittlich rund 15% – finde ich auch logisch, hier ist eben mal was kaputt oder doch nicht so stylisch, wie erwartet. Richtig krass ist die Zahl aber, was Mode angeht: Zwischen einem Viertel und der Hälfte der Pakete gehen hier zurück! Was mit den Waren im Einzelnen passiert, ist für den Kunden nur schwer nachvollziehbar: Im Lebensmittelbereich beispielsweise bedeutet eine Retoure zu 100%, dass die Sachen weggeworfen werden. Sie zurückzuschicken, ergibt also nur aus rein juristischer Sicht Sinn – ich könnte sie theoretisch auch direkt in die Tonne kloppen. Abgesehen davon erschließt sich mir sowieso nicht so ganz, warum Lebensmittel online geshoppt werden müssen. Bei Elektronik ist es ungefähr fifty-fifty: Kaputte Sachen gehen entweder zum Hersteller zurück oder beschreiten den Weg alles irdisch Vergänglichen. Die Dinge jedoch, die schlichtweg nicht gefallen haben oder aus sonstigen Gründen zurückkamen, die haben zumindest die Chance der Zweitvermarktung. Diese jedoch ist im Bereich der Mode am Größten: Röcken, Jacken und Schals sieht man es im besten Fall nicht an, wenn sie nicht gepasst haben, sodass sie problemlos weiterverkauft werden können – ausgenommen sind hier natürlich Schlüppis, aber damit muss der Anbieter entweder leben oder schließt Selbiges direkt vom Umtausch aus.

Dass Retouren nämlich nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch problematisch sind, zeigt sich an mehreren Faktoren: Schon mal drüber nachgedacht, warum Zalandos Slogan „Schrei vor Glück oder schick’s zurück?“ verschwunden ist? Oder warum bei Notebooksbilliger nicht dasselbe Produkt in mehreren Varianten in den Warenkorb gelegt werden kann? Oder warum Amazon (und andere Onlineshops) Kunden gar ganz vom Einkauf ausschließen, die schlichtweg zu oft retournieren? Dann allerdings laufen die Unternehmen Gefahr, nicht nur den Hass einzelner Kunden auf sich zu ziehen, sondern vor allem auch, Shitstorms zu produzieren, die die Beliebtheit (und damit die Erfolgsquote, folglich den Gewinn) des Shops gefährden. Das wiederum kann nicht in ihrem Interesse liegen. Und entsprechend nehmen die Unternehmen Retouren in Kauf, werben damit und weinen heimlich, still und leise.

Und die Moral der Geschicht‘? Kauf lokal, retourniere nicht? Nein, das ist nicht die Lösung. Beziehungsweise wäre es natürlich die Lösung, aber ich kann weder den Lauf der Geschichte aufhalten noch negieren. Die Lösung in Utopien zu suchen, kann nie zu einer langfristig funktionierenden werden. Dennoch plädiere ich für das Einschalten des Verstands: Müssen bestimmte Dinge tatsächlich immer online gekauft werden oder lohnt der Gang in die Innenstadt vielleicht doch manchmal? Kann ja auch schön sein, mal durch die Stadt zu schlendern und sich von gutgelaunten, freundlichen Massen umschwemmen zu lassen wie ein Fisch von der Nordsee. Kann ich beispielsweise mit dem Angebot und den Preisen der lokalen Modeunternehmen leben? In Großstädten gibt es beispielsweise meiner Meinung nach null Rechtfertigung für Mode-Onlinebestellungen: Auswahl und Preisspanne sind hier im Normalfall riesig und mit einer Online-Bestellung sorgt man im schlechtesten Fall dafür, dass sich genau das ändert. Das kann doch überhaupt nicht im Sinne der Kunden – also uns allen – sein. Selbiges gilt für Lebensmittel und Bücher (zumal Letztere – man kann es nicht oft genug betonen – preisgebunden sind: Sie kosten überall dasselbe!). Bei Elektronik, Katzenstreu und CDs drücke ich des Komforts und des Preisunterschieds wegen ein oder zwei Augen zu. Zumal die Umtauschrate hier recht gering sein dürfte. Also, lange Sätze, kurzer Sinn: Nachdenken vorm Online-Kauf, nachdenken, ob ich das auch lokal bekomme, ob die Gefahr der Retoure groß ist, was diese bedeutet. So viel Hirn muss auch beim Klicken möglich sein.

 

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