Auf der Kippe


Warum ich Werbeverbote nicht für den goldenen Weg der Demokratie halte…

Immanuel Kant forderte die „Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“, wollte uns zu Freidenkern und -geistern machen beziehungsweise bezeichnete dies als die eigentliche Natur des Menschen. Meiner Meinung nach hat er insofern Recht damit, als hierin der Unterschied zwischen Mensch und Tier liegt: in der Möglichkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden und nach Abwägen von Fakten, Moralvorstellungen und Gefühlen (oder wenn wir wollen, auch ohne Abwägen) entsprechend zu handeln. Wer rauchen will, raucht, wer saufen will, säuft, wer sich eine Line zieht, zieht sich eine Line, wer sich fastfoodiges Fleisch reinziehen will, zieht sich fastfoodiges Fleisch rein. Oder?

Natürlich dürfen wir in unserer westlichen Gesellschaft – und das ist die einzige, über die ich zu urteilen vermag – hier weitgehend freidenkend entscheiden, was wir wollen, was wir tun, wie wir denken. Wir dürfen – im Rahmen der Legalität – konsumieren, worauf wir Lust haben. Dass Kindern bestimmte Produkte per Gesetz verwehrt werden, das hat eine Schutzfunktion, die man sicher ebenfalls überdenken könnte, aber das soll hier nicht Thema sein. Warum also dürfen Firmen bestimmte Produkte nicht bewerben, wie andere das auch tun?
Warum darf die Tabakindustrie nur unter bestimmten Bedingungen Werbung machen, ebenso wie Werbung für Alkohol? Warum gibt es diesbezüglich Restriktionen in einer potenziell demokratisch-freidenkenden Gesellschaft? Aus Schutz. Natürlich immer aus Schutz. Denn bekanntermaßen sind wir nicht in der Lage, selbst zu denken, zu reflektieren und eigene Entscheidungen zu treffen. Sehen wir Zigarettenwerbung, haben wir alle quasi gar keine andere Wahl, als direkt zum nächsten Automaten zu rennen und uns ne Fluppe in den Mund zu schieben. Wir – triebgesteuerte Mitteleuropäer – sind die verantwortungslosesten, dümmsten Lebewesen, die Gefahren für sich selbst nicht einschätzen können.
Das jedenfalls wäre doch die logische Konsequenz, die man aus solchen Werbeverboten ableiten müsste, oder? Eigentlich eine ziemlich dreiste Unterstellung von Mutter Staat. Und: Geht das Werbeverbot für gesundheitsgefährdende Produkte weit genug? Was ist mit Schokolade und Pizza (= Verfettung), Bananen (= Rutschgefahr!), Chips (= schon mal Paprikapulver ins Auge bekommen? Und denkt nur mal an diese scharfkantigen Tortillachips!), elektronischen Produkten (= Stromschlag, Verdummung), Abo-Modellen (= Verschuldung), Büchern (= spitze Kanten! Hochintelligenz! Gefahr von Protesten durch gesteigertes Verständnis!), Autos (= Unfälle), Reisen (= mei, was da alles passieren kann), Kirchenveranstaltungen (= Radikalisierung), Konzerten (= Taubheit, Massenpaniken, Ohnmacht!), Oktoberfest (= Bavarisierung, verschluckte Brezn, Bierkoma, Tiertod durch Weißwurschtkonsum!)…
Natürlich ist das völlig übertrieben, aber es geht ums Prinzip (wie immer). Wieso darf der mündige Bürger nicht selbst entscheiden, inwiefern er sich schadet und schaden möchte? Ich habe nichts gegen Hinweise auf die Gefahr von Glücksspielen, Tabak, Alkohol und Co., aber gleich die ganze Werbung zu verbieten, das halte ich für fragwürdig. Und für eine Art von Zensur, die ich in unserer demokratischen Beziehung als fehl am Platze empfinde. Denn: Wie im letzten Abschnitt angesprochen, wo sind Anfang und Ende? Was traut man dem Bürger zu und was nicht mehr? Über welchen Teil seines Körpers und seiner Psyche darf er selbst entscheiden, über welchen nicht? Da geraten Politik und Unternehmen schnell in einen Rechtfertigungsstrudel, aus dem sie nicht so leicht herauskommen. Und auch nicht sollten. Denn nur bei freier Werbung hat mensch die Chance, sich aus seiner Unmündigkeit zu befreien. Ob er sich dabei schadet, tötet oder gut tut, liegt folglich bei ihm selbst.

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