Bang, boom, peng… Ach so!

ControllerhirnWarum Serious Games als Journalismus ernstgenommen werden sollten…

Serious Games sind der neueste Shit des Bildungsbürgers. Es geht dabei schlichtweg darum, Nachrichten so verständlich und erfahrbar in die Welt zu bringen, wie nur irgend möglich. Und wie geht das besser, als dem Rezipienten die Möglichkeit zu geben, tief in die Materie einzutauchen? Zum Beispiel, indem er sich eine Thematik „spielerisch“ aneignet. Das heißt, um beispielsweise einen aktuellen politischen Konflikt zu verstehen, klickt er sich durch das entsprechende Newsgame, übernimmt die Rollen beider Parteien, lernt klickend die einzelnen Problembereiche kennen und hat am Ende hoffentlich verstanden, was die Krux ist. Finde ich eine ziemlich gute Idee!

Nachrichten sind ja so eine Sache: Woher bekommt man die heute überhaupt noch? Schaue ich mir tatsächlich noch jeden Tag die Tagesschau an oder sogar die Tagesthemen, um entsprechende Hintergrundinformationen zu erhalten? Oder klicke ich mich lieber auf Spiegel Online durch? Oder aber abonniere ich bestimmte Feeds, höre mir Podcast-Updates an oder habe eine News-App auf meinem Smartphone, um mithilfe meiner Push-Nachrichten ständig auf dem neuesten Stand zu bleiben? Oder lese ich einfach Schlagzeilen am Kiosk oder auf U-Bahn-Displays?
Wie auch immer ich sie wahrnehme, es ist ein Wust, der durchblickt und eingeordnet werden will. Um einordnen zu können, muss ich aber verstehen. Dazu reicht in der heutigen komplexen Welt mit zigfachen historisch verankerten Krisenherden kaum mehr eine News-App. Ganz zu schweigen von Nachrichtensendungen, die zwar ihr Bestes geben, aber eben nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung haben. Und wenn man nicht ständig dranbleibt, dann kann ganz leicht der Eindruck entstehen, man habe vollkommen den Anschluss verpasst und jetzt habe das Ganze sowieso keinen Sinn mehr.
In diesem Fall gäbe es eventuell noch die Möglichkeit, auf Kindernachrichten zurückzugreifen. ZDF logo macht da zum Beispiel nach wie vor einen tollen Job – aber sind wir mal ganz ehrlich: Ab einem bestimmten Alter hat man da auch nicht mehr jedes Mal Lust drauf. Ein bisschen blöd kommt man sich ja leider doch manchmal dabei vor, wenn man das „nötig hat“. Dabei ist die Legitimation leicht verständlicher Nachrichten und Hintergründe im heutigen Print-Digital-Schnell-Schnell-Schnell-Dschungel durchaus gegeben. Wie auch immer, auch diese Art der Rezeption kostet Zeit und Nerven und erfordert damit ein großes Bedürfnis nach Informationen.
Aber warum ebendiese willigen Erwachsenen nicht ganz anders ansprechen? Warum nicht auf spielerische Art und Weise? Das müsste doch gerade die Generation der Digital Natives enorm reizen! Da spielt man statt Farmville eben ein Ründchen ‘Landraub in Afrika’, statt World of Warcraft ein bisschen ‘Attentat von Sarajewo’ und statt Angrybirds ein bisschen ‘Rote Liste der Brutvögel’. Das ist Spaß und Information in einem – Spiel, Spannung, Spaß.
Irgendwie geschmacklos? Klar könnte man so argumentieren – wir reden hier ja oftmals von Gewaltdarstellungen, besonders, wenn es um kriegerische Konflikte geht. Aber: Das, was geschmacklos erscheint, ist ja nicht das Spiel an sich, sondern das, was tatsächlich passiert. Und das ist nun mal Realität. Dafür, dass die leider oft geschmacklos ist, dafür können ja Serious Games nichts. Vielmehr wird Brutalität auf eine Weise fühlbar, die im besten Fall für ein gesellschaftliches Umdenken sorgt. Möglicherweise ist das deutsche Wort ‘spielen’ an dieser Stelle unglücklich gewählt – es gibt einfach kein anderes, was es besser beschreibt. Es geht nicht um ein kindliches, spaßiges Spielen im Sandkasten, sondern tatsächlich um ein ‘Erfühlen’, indem man in eine digitale Welt eintaucht. Und wenn Pazifismus oder Spendenflut die Folge solcher Welten sind, dann können wir uns doch eigentlich nicht beklagen, oder?
Wichtig ist bei so einer Art von Informationsvermittlung, dass eine journalistisch-reflektierte Gestaltung des Ganzen vorgenommen wird. Sonst besteht schnell die Gefahr einer propagandistischen Ausnutzung solcher medialer Kanäle. Ein Serious Game von Terroristen kann auf den ersten Blick auch Spaß machen und seriös wirken. Da muss eine sehr klare Einordnung des Spielers stattfinden: Woher kommt das, was ich da gerade spiele, und was möchte der Publisher gegebenenfalls damit erreichen?
Gerade für diesen Fall wäre es aber wichtig, dass sich seriöse Journalisten mit diesem Genre beschäftigen und es als Medium mit Potenzial ernstnehmen. Wenn sie das machen, bieten sich unheimlich viele Möglichkeiten: das Erschließen einer neuen „Leser“schaft alias einer neuen Zielgruppe ihres ursprünglichen Mediums, Kundenbindung, die Chance, paid content zu schaffen, was immer noch eine vieldiskutierter riesiger Problembereich in der Medienbranche ist und somit auch einen finanziellen Mehrwert digitalen Publizierens zu schaffen.
Informiert werden wollen wir alle mehr oder weniger. Wenn dieses Bedürfnis auf seriöser, ernstzunehmender Basis befriedigt werden kann, die zudem Spaß macht und gleichzeitig zum Nachdenken anregt, ja, was wollen wir denn dann noch mehr?


Zum Weiterlesen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Serious_Game
http://de.wikipedia.org/wiki/Edutainment
http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/spiel-mit-den-nachrichten-newsgames-journalismus-zum-spielen/9464446.html
http://www.zeit.de/digital/games/2013-01/endgame-syria-newsgames-spiele-krieg

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