Bar jeden Unsinns

Warum „Bares für Rares“ für mich auch Sozialstudie ist …

Menschen bringen ihre Erbstücke oder Dachbodenfundstücke in ein Fernsehstudio, um sie zu verkaufen. Soweit, so simpel. So langweilig, könnte man meinen, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen da mit Herrn Lichter produziert, ist es aber nicht. Weil noch viel mehr dahinter steckt: Charakterstudie und Erwartungsanalyse inklusive Zufriedenheits-Überprüfung.

Natürlich ist „Bares für Rares“ nicht die einzige Sendung ihrer Art. Die amerikanischen „Garage Wars“, wo Händler auf verlassene Storages bieten, gehen in eine ähnliche Richtung, aber bleiben wir mal beispielhaft bei der ZDF-Sendung. Das Konzept ist einfach erklärt: Ich habe etwas zu verkaufen, ein Experte schätzt den Wert meines Mitbringsels, ich gebe an, was ich mir ungefähr vorgestellt habe und darf daraufhin zu den Händlern (oder nicht, wenn ich es für den geschätzten Preis nicht hergeben würde).

An zwei Stellen begegnen uns hier Erwartungshaltungen: Was ergibt eigentlich die Expertise? Um was handelt es sich genau, was ist der historische Hintergrund, was ist die Geschichte, was ist der Wert? Wie rar ist mein Stück, aber eben auch: Was ist sein wirklich materieller Wert (den ideellen lassen wir mal außen vor)?

Hier gibt es dann natürlich auch immer die ersten Überraschungen: Ein Gemälde, das jahrelang unbeachtet auf dem Dachboden verstaubte, ist wegen seiner Provenienz wider Erwartens mehrere Tausend Euro wert. Ein Sekretär ist zwar alt, aber so schlecht restauriert, dass er quasi unverkäuflich ist. Und Großmutters Schmuck ist lange nicht so wertvoll, wie sie uns lange hat versucht weiszumachen. Und schon hier schließt sich die Frage an: Wie reagiere ich auf die positive oder negative Überraschung?

Dann geht es aber schon in den Händlerraum. Die Schätz-Summe der Expertise ist bekannt, ebenso, ob ich es zu diesem Preis verkaufen würde, aber: Es handelt sich ja um keinen Festpreis, den ich garantiert bekomme. Dafür, ihn zu bekommen, muss ich via Verhandlungsgeschick und Taktik selber sorgen. Hochinteressant, die verschiedenen Verhandlungsmethoden der einzelnen Anwesenden – sowohl der Händler als auch der Anbieter – zu beobachten. Da gibt es die Schüchternen, die gar nichts sagen. Die Offenen, die erstmal Hintergründe und gegebenenfalls Anekdötchen zu ihren Gegenständen raushauen, die sie im wahrsten Sinne des Wortes anpreisen. Diejenigen, die radikal flirten. Und dann immer die Frage: Verkauft man zum gebotenen Preis?

Die Antwort ist dabei hochgradig spannend, denn sie verrät unheimlich viel: Sind meine Erwartungen – woher auch immer – erfüllt? Bin ich letztlich zufrieden, wenn ich bejahe? Kann ich damit umgehen, etwas für „unter Wert“, aber „über meiner eigenen Erwartung VOR der Expertise“ zu verkaufen? Will ich etwas lieber „unter Wert“ verkaufen, als es wieder auf dem Dachboden verkommen zu lassen? All diese Fragen müssen innerhalb eines kurzen Augenblicks entschieden werden – was definitiv nicht einfach ist.

Nach Verlassen des Händlerraums gibt es dann meist nochmal ein kurzes Interview zur Zufriedenheit des Verkäufers, das ich ebenfalls total spannend – vielleicht sogar entlarvend – finde. Bisher kam es nie vor, dass jemand seine Unzufriedenheit – alias einer womöglich falschen Entscheidung – ausgedrückt hätte. Da würde man sich ja selbst bloßstellen. Aber natürlich ist den Verkäufern anzumerken, was dieser kleine Akt des Verkaufens mit ihnen gemacht hat. Und das ist eben mehr als das simple Verkaufen eines alten Objekts. Es verrät uns viel über die Werte und Ansichten, vielleicht sogar den Charakter der Verkäufer.

Ein wichtiger Stichpunkt wäre hier beispielsweise auch die Tugend „Bescheidenheit“. Ihre Ausprägung im jeweiligen Verkäufer spielt eine entscheidende Rolle bei der Entscheidungsfindung, ob ich etwas verkaufe und mit der Summe des Erlöses (oder damit, etwas wieder mit nach Hause zu nehmen) total zufrieden und in mir ruhend bin oder ob ich bereue. Und nicht nur das: Hier entscheidet sich auch, wie sehr ich gönne. Fast schon die Frage nach dem Grad von Altruismus meines Charakters: Gebe ich etwas für unter Wert weg, weiß dann aber, dass es (potenziell) in gute Hände kommt, oder lasse ich es lieber weiterhin im Keller verstauben, weil ich alleine nicht genug dafür erhalte? Oder wie es mal Kandidaten selbst ausdrückten: Habe ich lieber den Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach? Auch hier wieder Charakterstudie.

Und das macht die Sendung für mich so interessant.

 

Nachtrag: RTL hat offenbar vor, ein ähnliches Sendungskonzept umzusetzen. Auf billige, vermutlich sehr auf Witzigkeit und Entertainment bedachte Art. Ich bin skeptisch.

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