Warum ich so lange weg war – ein Bekenntnis

Ich sag es jetzt einfach mal, wie es ist, und stehe dazu: Ich habe eine Essstörung und komme nach vier Monaten Krankenhaus und Spezialklinik erst jetzt wieder zurück. So ist das mit mir.

Ohne zu viel zu den Gründen zu sagen (das geht nur mich selbst etwas an), möchte ich zumindest all denjenigen, die derzeit noch unter einer Essstörung leiden – und egal, um welche Form es sich handelt, es ist ein furchtbares Leiden! – Mut machen und offen zu dieser psychischen Krankheit stehen.
Obwohl ich oft zweifle, oft unsicher bin, oft verzweifle: Ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass sich der Kampf lohnt. Ich merke, dass meine Gefühle wiederkommen, die ich mit meinem Untergewicht nicht mehr gespürt habe. Ich merke, dass ich mit jedem Gramm Fett mehr besser denken kann, besser fühlen kann, lebensmutiger und -williger werde. Auch wenn noch jeder Tag ein Kampf ist: Ich glaube daran, dass es irgendwann gut sein kann.
Ich stehe dazu, diese verfluchte Krankheit zu haben, dieses fiese Miststück, das mir jeden Bissen schwer macht – spätestens im Nachhinein. Ich stehe dazu, dass ich mich totmache, indem ich nicht esse. Ich stehe dazu, dass ich körperlich am Ende war und nichts mehr auf die Reihe bekommen habe. Ich stehe dazu, Menschen vor den Kopf gestoßen zu haben, weil ich mich selbst nicht lieben kann. Aber all das verzeihe ich mir inzwischen auch.
Schäme ich mich? Ja. Fühle ich mich schuldig? Ja. Fühle ich mich als Versagerin? Ja.
Ich schäme mich dafür, mir eine psychische Krankheit angehungert zu haben. Schäme mich dafür, vor vollen Supermarktregalen zu verhungern, während Menschen überall auf der Welt echten Hunger erleiden zu müssen. Schäme mich dafür, keinen erwachsenen Weg gefunden zu haben, mit meinen Problemen umzugehen. Schäme mich dafür, dem Leben, der Gesellschaft und der Welt (noch?) nicht gewachsen zu sein. Schäme mich, weil ich so viel mehr Wert haben könnte, den ich mir weggehungert habe. Schäme mich dafür, der Gesellschaft nun auf der Tasche liegen zu müssen.
Ich fühle mich schuldig für meine ganze Situation. Schuldig gegenüber meinem Exfreund, der so viel leiden musste. Schuldig, weil unsere Beziehung auch daran zerbrochen ist. Schuldig gegenüber meinen Eltern, die zu alt sind, um sich noch solche Sorgen um ihr Kind machen zu müssen. Schuldig gegenüber all meinen Freunden, die ich immer wieder zurückgestoßen habe. Schuldig gegenüber der Gesellschaft, die mich, meine Arbeitsunfähigkeit, meine Klinikaufenthalte nun bezahlen muss. Schuldig gegenüber all denjenigen, die mir eine Hand gereicht haben und enttäuscht worden sind.
Ich fühle mich als Versagerin, die es nicht geschafft hat, den gesellschaftlichen und privaten Erwartungen zu entsprechen. Die sich von ihrem eigenen und dem gesellschaftlichen Leistungsdruck hat kaputtmachen lassen. Die dem nicht gewachsen war. Ich habe versagt – beruflich, privat, in Beziehungen. Vielfach und ziemlich heftig.
Aber all das hilft nicht. Und vielleicht ist es nicht zu spät. Vielleicht kann ich das Ruder nochmal rumreißen.
Trotzdem oder deswegen wage ich jetzt einfach mal den nächsten Schritt. “Einfach”. Einfach ist es nämlich wirklich nicht. Aber: Ich wage, zu leben. Mit mir. Mit meinem Körper. Mit all meinen Fehlern, Makeln, Schwächen. Aber auch mit allem, was mich ausmacht. Ich wage es, mich und andere auf andere Art zu bestrafen als durch restriktives Essen und einen körperlichen Hilferuf. Ich wage, wieder ich selbst zu werden, auch wenn ich mich nicht kenne. Ich wage, zu essen und zu genießen, auch wenn es seelisch weh tut. Ich wage, zu fühlen. Und ich wage einfach mal, öffentlich dazu zu stehen.
Ich schließe noch einen kleinen Appell an: Wenn ihr vermutet, dass jemand in eurem Bekanntenkreis an einer Essstörung habt, sprecht ihn darauf an. Lasst euch nicht zurückstoßen. Bohrt nach. Aber lasst demjenigen auch Zeit. Zeit für Selbsterkenntnis und für Eingeständnis. Denn das braucht seine Zeit, weil es einfach verdammt wehtut.
Männer, hört auf, Frauen auf ihr Aussehen zu reduzieren. Lobt nicht das schicke Kleid und die Schminke, sondern lobt, dass ihr verdammt nochmal unproblematisch mit ihr Pizza essen könnt. Dass sie sich einfach mal einen Muffin oder einen Cocktail mit euch genehmigt. Liebt und honoriert jedes Gramm Fett an ihr. Denn das ist es hoffentlich nicht, was ihr an ihr liebt oder nicht liebt.
Frauen, hört auf, euch selbst zu geißeln. Hört auf, euch auf euer Aussehen zu reduzieren und reduzieren zu lassen. Kommentiert nicht das Essverhalten und die Figur eurer Feindin, Kollegin, Freundin, einer Fremden oder der Nachbarin. Bestellt keinen Salat, wenn ihr Bock auf Pasta habt. Denkt nicht über die Kalorien von Sekt am Mädelsabend nach. Und zählt sie vor allem nicht. Ihr seid schön. Jeder ist schön. Nicht floskelhaft, sondern wirklich. Guckt euch an. Ihr seid so richtig, wie ihr seid. Jeder. Mit jeder Narbe, jedem Damenbart, jedem Rettungsring, jedem eitrigen Pickel. Whatever. Vor allem aber mit jedem Lachen, jedem Witz, jeder tröstenden Umarmung, jeder Zeit, die ihr euch füreinander und für euch nehmt. Jedem Gedanken, den ihr euch um andere macht. In jedem Moment, in dem ihr einfach zufrieden seid. Euch nehmt, wie ihr seid. Die anderen nehmt, wie sie sind. Das Leben genießt.
Es ist nicht schön, wenn etwas so Grundlegendes und eigentlich so Simples das Leben in der Hand hält. Wenn jeder Selbstzweifel durch ein Minus auf der Waage kompensiert werden muss. Wir leben nur ein Mal. Muss das eine Mal geprägt sein von Selbsthass, Zweifeln und Zwängen?

Lebt.

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2 thoughts on “Warum ich so lange weg war – ein Bekenntnis

  1. Toll Katarina ich bin echt gerührt wir waren ja zusammen in der Klinik und deine Worte machen mir wieder mit weiter zu machen essen genießen u d nicht drüber nachdenken

    1. Hallo Katrin!
      Das freut mich und genau so war es gedacht! Ich freue mich auf den Moment, in dem ich nicht mehr jeden Essenserfolg feiere, sondern gar nicht mehr drüber nachdenke, weil es (wieder) zu einer Alltäglichkeit, zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Da liegt noch ein gutes Stück Weg vor mir und vor vielen anderen, aber wir können das schaffen. Genug Willenskraft haben wir alle in uns – sonst hätten wir es nicht so lange in der falschen Richtung durchgehalten.

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