Oh, Crap Booking!

Anlässlich des Internationalen Tages des Scrapbookings möchte das Feuilleton von Kontravers heute ein ganz besonderes Interview mit Frau Dr. phil. Sarah Kassmuss zu diesem spannenden Schneide- und Bastelthema veröffentlichen.

Frau Kassmuss, was genau versteht man unter Scrapbooking?

Nun, es handelt sich um eine ganz besondere Art, die eigene Kreativität auszudrücken, indem man Erinnerungen aufklebt, verziert, mit Accessoires verziert und einfach schön in einem Buch arrangiert.

Handelt es sich dabei um eine neue Erfindung und – wer hat’s erfunden?

Ricola (lacht). Nein, Scherz beiseite. Wer der Erfinder hinter dieser genialen Kunstform ist, vermag man heute nicht mehr genau zu sagen, aber die Wurzeln gehen definitiv bis ins 18. Jahrhundert zurück. Ich persönlich bin auch zu einer Verbindung des intrinsischen Expressionismus überzeugt. Manche Frevler sprechen gar von einer Verwandtschaft mit dem früheren Fotoalbum, dessen verwehre ich mich allerdings strikt. Scrapbooking ist offensichtlich wesentlich mehr: Geldanlage, Sinnsuche, und nicht zuletzt macht natürlich der englische Titel einen enormen inhaltlichen Unterschied aus!

Für wen ist Scrapbooking geeignet?

Für fast jeden! Für all diejenigen, die sich gerne sinnvollen Tätigkeiten widmen, wie dem Ausmalen von Mandalas oder „Malen nach Zahlen“-Bildern. Für all diejenigen, die ihre innere Mitte suchen und nach Selbstverwirklichung und kleinen Erfolgserlebnissen streben. Und ganz besonders diejenigen, die einfach nicht wissen, wohin mit ihrem Ersparten. Gerade für Letztere bietet Scrapbooking eine ganz wunderbare Lösung an: Es gibt so viele bunte, glitzernde Accessoires, Papiere, so viele spezielle Stifte, die man definitiv unbedingt benötigt, dass sich die Leichtigkeit, die Finanzen des eigenen Lebens zu regeln, ganz schnell in Luft auflöst.

Den einzigen, denen ich es wirklich nicht besonders empfehlen kann, sind diese furchtbar getriebenen, puristischen, erfolgsorientierten, unkreativen Digital Natives. Wissen Sie, die sind so beschäftigt damit, ihre Erinnerungen auf Twitter und Instagram zu teilen, dass sie einfach keinen Geist für diese intellektuelle Verwertung haben. Aber auch hier gibt es natürlich tolle Strategien: Es bietet sich absolut an, sich selbst beim Scrapbooken zu filmen, Selfies zu machen oder auch Fotos des fertigen Buchs. Auf diese Weise teilt man seine intimen Produkte wieder ganz schnell mit der weiten Welt und gilt als “normaler”. Denn vielen Scrapbookern begegnen heute noch schlimme Vorurteile bezüglich ihrer Verschlossenheit.

Zu Recht?

Keinesfalls! Scrapbooker haben mittlerweile sogar eigene Treffs, auf denen sie ihre Ösen, Pailletten und Papiere tauschen, zusammenarbeiten – und natürlich ihre Erfahrungen besprechen. Denn wir wissen ja: Es geht nicht um das Kleben, Malen und Stanzen, sondern um eine kreative Reise zum sich ausdrückenden, glitzernden Selbst. Da braucht es schon hin und wieder eine Art von Supervision, um die aufplatzenden Traumata zu besprechen und zu teilen. Wir leben schließlich in einer Welt, in der Privatheit nicht mehr existiert, und wie langweilig wäre es, etwas nur für sich zu machen? Das wäre ein evolutionärer Rückschritt, davon bin ich überzeugt. Es gibt keine privaten Hobbies mehr – und das ist gut so!

Frau Kassmuss, vielen Dank für dieses sehr erhellende Interview zu einer weiteren redundanten Freizeitbeschäftigung!

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