Bube, Dame, Herz, Date

DatingRules

Warum Dating Rules nicht der Weg zum Glück sein können…

Da ist es, das berühmte Kribbeln im Bauch. Ich lerne jemanden kennen, finde ihn oder sie süß, nett, würde sie oder ihn gerne wiedersehen. Aber darf ich das? Darf ich nach der Telefonnummer fragen? Bin ich zu aufdringlich? Und vor allem: Verstoße ich gegen eine ungeschriebene Dating Rule?

 

  • Frauen fragen nicht nach Telefonnummern.
  • Die Dame lässt sich bitten, also trifft der Mann die Verabredungen. Er ruft an und fragt.
  • Der Mann zahlt den Abend.
  • In einer Bar datet man sich nicht.
  • Nach dem ersten Date wird nicht sofort das zweite verabredet. Man wartet mindestens 3 Tage
  • Nehmen Sie nach Mittwoch nie eine Einladung für Samstag an. So wirken Sie beschäftigt.
  • Beim zweiten Date darf geknutscht werden. (Passiert es nicht, gibt es unter Umständen kein drittes Date.)
  • Beim dritten Dates gibt’s Sex, sofern man nicht vorhat, jungfräulich in die Ehe zu gehen, was durchaus vorkommt. Kein Sex bedeutet oft das Ende der Dates.
  • Dating ist unverbindlich, solange keine exklusive Partnerschaft eingegangen wird. Erst dann darf man auch offiziell eifersüchtig sein.
  • Gesprächsthemen: keine Politik, kein Sex, keine Religion, Ex-Partner

 

Das sind ein paar der ungeschriebenen amerikanischen Dating Rules, die – auch wenn sie sich vielleicht gerade einem gesellschaftlichen Wandel unterziehen – so oder so ähnlich noch gelten und befolgt werden (sollenmüssenwollen).

Ganz klare Geschlechterrollen sind dabei ein wichtiger Bestandteil: Er fragt nach der Nummer, er sucht den Abend, das Restaurant, den Ablauf aus, er zahlt. Punkt. Keine Widerrede. Kein Verhandlungsspielraum. Dafür darf er auch küssen oder mehr – das wird erwartet, er hat schließlich gezahlt. Frau hat andere Aufträge: Sie sieht umwerfend aus, lächelt möglichst viel, schneidet möglichst seichte Gesprächsthemen an, isst nicht zu viel und nicht zu wenig, geht charmant auf ihn ein. Sie entscheidet, wie der Abend endet – unter einer Prämisse: Schlampe oder Zukünftige?

Erst mal hat das ja durchaus Vorteile: Frau fügt sich dem Geschehen und es entstehen keine unangenehmen Diskussionen, zum Beispiel darüber, wer zahlt. Ganz klassischer Streitpunkt im europäischen Datingsystem, teilweise sogar in Beziehungen. Dass beim ersten Date in aller Regel nicht geküsst wird (wenn Sie eher Zukünftige sein möchte), kann auch viel Druck nehmen, schließlich sind die Erwartungshaltungen ganz klar geregelt. Außerdem lässt sich oftmals anhand des ausgewählten Restaurants schon auf die Persönlichkeit des Mannes schließen. Und wenngleich ihn das natürlich gegebenenfalls unter Druck setzt, etwas besonders Feines zu wählen, so liegt für ihn hierin doch eine Chance, sich – wie auch immer – zu positionieren. All das haben wir progressiven Europäer nicht: Wer nach der Nummer fragt, wohin gegangen wird, wer zahlt und ob geknutscht wird, alles vollkommen unklar und entsprechend Verhandlungssache. Also jede Menge Potenzial für Verunsicherung.

Und Spannung. Denn egal, wie viel Sicherheit der Frau solche Dating Rules geben können, es ist eben genau das, was wegfällt: die Spannung. Die besteht höchstens darin, was er zu essen auswählt (Schnitzel oder Sojabolognese?), was er tut (Tür aufhalten oder vor der Nase zuschlagen?), ob er Verstöße testet etc. (Ist er touchy? Redet er über seine politischen Aktivitäten?). Aber ich möchte mir weder den Ort meines Treffens vorschreiben lassen noch das, worüber ich sprechen darf. Es gibt doch sowieso natürliche Grenzen. Ein Typ, der mich zur ersten Verabredung in eine Sportbar entführt (und mal angenommen, ich bin kein ultimativer Fußballfan), den schreibe ich genauso ab, wie die Frau, die mir beim ersten Date weinend von ihren Verflossenen berichtet, die sie alle ihres Körpers wegen verlassen haben. Es gibt natürliche Tabus, die ich weder bei einem ersten Date noch mit meiner Zahnarzthelferin bespreche, für die es keine Regeln braucht. Wenn sie aber doch angesprochen werden und nicht zu unangenehmen Situationen führen, dann kann ja aus diesem klitzekleinen Date vielleicht sogar was richtig Großes werden.

Denn interessant sind doch genau die Diskussionen, die aus kleinen Unsicherheiten entstehen: Wann hast du denn Zeit? Vielleicht sogar heute Abend schon [= Ich finde dich nämlich so gut, dass ich eigentlich keine 3 Tage mehr warten will!]? Wohin gehen wir denn [=Bist du eher der Sportsbar oder der Edelschuppentyp? Oder stehst du vielleicht – wie ich – tierisch auf irische Pubs?]? Welchen Film wollen wir denn sehen [= Bist du der Actiontyp oder eher für Schmonzetten zu haben? Oder ist es doch eher der Film Noir-Typ oder besser gleich die Oper?]? Lieber Cocktailbar [= Du bist doch bestimmt locker drauf, oder?] oder Sushirestaurant [= ein Hipster] oder Burgerladen [= keine Angst vor Fingerfood mit potenzieller Kleidungsverschmutzung] oder Italiener [= keine Angst vor Fingerfood und Knoblauch!]? Oder einfach erst mal ein Spaziergang am Fluss [= Wow! Ungestörte Gespräche, geht das mit dir]? Gibt es unnatürliche Gesprächspausen und wünschte ich, ich hätte mir doch Themen auf Karteikarten notiert, oder quatschen wir uns gegenseitig den ganzen Abend die Ohren voll? Und wo steht er/sie denn wohl politisch? Kann man sich da rantasten oder ist das ein No-Go? Küsst er/sie mich am Ende oder umarmen wir uns freundschaftlich? Und ganz wichtig  – wie machen wir das denn mit dem Bezahlen? Wenn es in diesen Situationen schon zu komischen Unstimmigkeiten kommt, dann sollte man sich vielleicht überlegen, ob das mit dem Gegenüber so passt, wie ich mir das vielleicht vorgestellt habe.

Mich bei einem Date Regeln zu unterwerfen – ganz egal, welcher Art, – bedeutet doch auch immer, meine Persönlichkeit in gewissem Maße zu unterdrücken und einzuschränken. Nicht vollständig den [Unflat, Rampensau, verschüchterten Typen, Nerd, Schwarzhumoristen, Geizkragen,…] rauszulassen, der ich eben nun mal bin. Und das ist letzten Endes irgendwie nie eine Basis für eine Beziehung, auf die mein Date eigentlich hinauslaufen sollte. Natürlich schminken sich Frauen und das böse Erwachen mancher Männer kommt erst nach Monaten – die wortwörtliche ungeschminkte Wahrheit – und natürlich stellen wir uns am Anfang immer ein kleines bisschen besser dar, als wir tatsächlich sind. So ist der Mensch. Ein Grund übrigens, warum ich die NEON “Ehrlichen Kontaktanzeigen” so großartig finde. Aber mir in gewissen Dingen den Mund verbieten lassen, weil das zu Kontroversen, Streit und einem verpatzten Date führen könnte, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich finde nämlich, dass doch genau das eine Beziehung ausmacht: dass man in sehr vielen Dingen dieselben Standpunkte hat, dieselben Wertvorstellungen, wenn man so will. Dass man über die gleichen Witze lachen kann und dieselben Personen kacke findet. Ob das beim anderen so ist und eine Beziehung entsprechend überhaupt denkbar, das passiert doch erst durch ein Austesten. Ist es in unserer schnelllebigen Gesellschaft dann nicht total ökonomisch, das gleich beim ersten Date anzustreben? Rauszuhauen, was man denkt, und alles zu diskutieren?


 

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