Die neue Fleischeslust

FleischesmannundGemüsefrau
Warum Gender und Kochen eine geschmacklose Kombi sind.

Um aller Kritik gleich von Anfang an den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ich habe Brüste, ernähre ich mich weitgehend fleischlos und halte auch eine Fertigpizza und Tiefkühlgemüse nicht für den Untergang der Esskultur. Damit gehöre ich wahrscheinlich zur absoluten Anti-Zielgruppe der ‚Beef!‘. Und damit komme ich auch noch wunderbar zurecht.

Seit einiger Zeit gibt es zwei neue Trends am Kochbuchmarkt: 1. fleischlose Küche: bevorzugt vegetarisch, vegan, Richtung Gemüsesmoothies. Dabei allerhand Varianten: für Studenten, Berufsanfänger, Teilzeitvegetarier, Eilige, Faule, Gourmets, Vegetarier, die eigentlich gerne Fleisch essen würden, Ökos,… Na ja, das Übliche eben im Kochbuchregal. 2. total fleischige Küche. In exakt einerkeiner Variante: für Männer. Ohne Ausrufezeichen und wenig subtile Wortspiele kommen nur wenige Titel in diesem Genre aus: „das schmeckt mann – das Männerkochbuch“, „So kocht Mann!“, „Mann kocht selbst – Rezepte für echte Männer!“, „Nur für echte Kerle – das ultimative Männerkochbuch“ und so weiter und so fort.

Und dann gibt es da noch die erwähnte ‚Beef!‘, Deutschlands erste und einzige Kochzeitschrift für Männer. 2009 im Rahmen eines Gruner + Jahr-Wettbewerbs als erstplatziert entstanden erscheint das Heft nun alle zwei Monate für knapp 10 Euro. Also ungefähr für den Preis, den mann (haha!) auch für die genannten Kochbücher zu zahlen hätte. Die Zeitschrift erreicht ca. 20.000 Abonnenten + 40.000 Gelegenheitskäufer. Und das sagt sie über sich selbst: „edel, informativ, klug und humorvoll. BEEF! liefert seinen Lesern anspruchvolle [sic], exklusiv entwickelte Rezepte; Spezialwissen über Zubereitungstechniken und die besten Lebensmittel sowie fundierte Hintergrundgeschichten über Koch- und Essgewohnheiten aus aller Welt. Außerdem zeigt BEEF!, was Männer in der Küche lieben: Die schönsten Tools, von der stählernen Espressomaschine bis zum Hand geschmiedeten Messer“.

Was mich an diesen Markterschließungen stört, sind zwei Dinge. 1. kommt mir das Genre „Fleisch“ wie ein anachronistischer Trend vor, der sich partout an archaische Lebensmittelmythen und Essgewohnheiten festklammern will, 2. bin ich unglaublich genervt von dieser Genderfizierung (ich arbeite an der Etablierung dieses Wortes). Wenn jemand gerne Fleisch isst, sich gerne mit Kochen auseinandersetzt, vielleicht sogar wirklich gerne experimentiert und Spezialwissen anhäuft, meinetwegen auch gerne mit den neuesten und „schönsten Tools“ – warum zur Hölle ist es dann so wichtig, dass derjenige Hoden hat? Warum muss immer alles so unfassbar in Männlein/Weiblein unterteilt sein?

Ich kenne viele Frauen, die leidenschaftlich gerne am Grill stehen und mit der ein oder anderen superteuren Küchenmaschine flirten, sich zu Weihnachten Kochgeräte schenken lassen und bei denen die Küche ohne ein Fleischthermometer kalt bleibt. Und ich kenne jede Menge Männer, die das vegetarische Essen in der Mensa bevorzugen, die gegen eine fettige Fertigpizza überhaupt nichts einzuwenden haben oder die ‚Tofu Stroganoff‘ und den ‚Seitan-Burger‘ für hochinteressante Gerichte halten. Dürfen Erstere die ‘Beef!’ nicht kaufen, weil ihnen ein Stück Fleisch zwischen den Beinen fehlt? Und müssen Letztere sie kaufen, obwohl sie keinerlei Interesse an deliziösem, exquisit zubereiteten Fleisch auf ihrem Teller haben?

Warum nur Männer? Genauso bescheuert finde ich übrigens jede Frauenzeitschrift auf dem Markt, nur um das auch mal anzumerken. Aber gerade bei Kochzeitschriften und -büchern gibt es so viele Alternativen, die sich sowieso nicht an eine bestimmte geschlechtliche Zielgruppe richten und damit für beide interessant sind. Warum nicht einfach nur die viel sinnvollere Zielgruppendefinition nach Schwierigkeits-/Erfahrungsgrad und angestrebten Gerichten?

 

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