Die neuländische Bildungsferne

Warum Kindern Digital Literacy beigebracht werden sollte…

Digital Literacy. Was ist denn das? Das ist das, was wir alle beherrschen sollten, aber kaum einer tut. Das, was unsere Zukunft von der Dystopie abhalten könnte. Zumindest, wenn wir uns damit auseinandersetzen würden. Tut ja aber keiner. Ist ja unkomfortabel.

Dass das Internet böse ist und Google, Amazon und Facebook* die Weltherrschaft an sich reißen werden, haben wir ungefähr so oft gehört wie „Punktrechnung geht vor Strichrechnung“ im Mathe-Unterricht. Gekümmert hat es die meisten nicht wirklich. Verstanden haben es die wenigsten. Wir wissen auch, dass es die ein oder andere Cloud gibt, die nichts mit dem Wetter zu tun hat, und dass Big Data und Big Brother viel gemeinsam haben. Wissen wir alles, kümmert uns wenig.
Dass das in der Zukunft problematisch werden können, zeigen uns Dystopien seit den 80er-Jahren. Überwachungsstaat, keine Individualität mehr, Abhängigkeit von internationalen Konzernen, die alle nur unser Bestes wollen, unser Geld. Wir reden uns heraus mit fehlenden Optionen, mit Wahllosigkeit, mit dem Wunsch, mit Freunden und Bekannten in Kontakt bleiben zu wollen. Was wir eigentlich meinen, ist der Wunsch nach Bequemlichkeit. Wir wollen uns gar nicht damit auseinandersetzen, warum DIE jetzt genau böse sind, was DIE genau machen, wer DIE eigentlich sind und welche Alternativen es zu DENEN gäbe. Das würde uns unsere wertvolle Zeit kosten, in der wir doch bei Google Shopping Preise vergleichen können, um dann die Ergebnisse per WhatsApp oder Instant Messenger teilen.
Schlimm ist, dass wir es genau wissen und nichts dagegen tun. Schlimmer ist, dass eine Generation nachwächst, die die Augen komplett verschließt, weil sie es so vorgelebt bekommt. Warum sollte ich Facebook schlimm finden, wenn Mama da auch angemeldet ist? Ich googele, weil Papa das auch macht. Es gibt noch andere Nachrichtensysteme als WhatsApp? Kenn ich nicht. Benutzt meine Familie nicht.
Das Traurige daran ist, dass es momentan niemanden gibt, der diesen Kreislauf zu durchbrechen vermag. Die Elterngeneration befasst sich aus Desinteresse und Komfortbedürfnis nicht mit dem Thema und ist folglich nicht in der Lage, ihre Küken auf die große, böse Welt vorzubereiten. Ja, wer denn dann?
Aus diesem Grund sollte Digital Literacy – die Auseinandersetzung mit und die Aufklärung über die politische Bedeutung der digitalen Welt – meiner Meinung nach als Schulfach eingeführt werden beziehungsweise Teil des Informatikunterrichts (oder sogar des Politikunterrichts?) werden. Kinder müssen nicht nur lernen, wie sie das Internet nutzen können – das bringen sie sich weitgehend sehr gut selber bei –, ihnen müssen auch die Gefahren desselben bekannt sein. Wie sie damit umgehen, das ist dann wiederum allein ihre Sache, aber die Grundlage des Wissens, die dürfen wir ihnen in unserer komfortablen Blindheit nicht nehmen. Das ist verantwortungslos. Andernfalls nehmen wir ihnen die Möglichkeit, das Internet nicht nur intuitiv nach dem Learning by doing-System bedienen zu können. Das bekommen sie wunderbar hin. Sie müssen nach dem Unterricht auch nichts ändern. Sie müssen nur wissen, was sie tun.
Eine Frage bleibt allerdings: Wer soll aufklären? Die heutigen Lehrer haben oftmals selbst keine Ahnung von der Materie. Firmen würden sich vermutlich darum reißen, sind aber aus recht offensichtlichen Gründen nicht unbedingt die besten Lehrkräfte. Wer also sonst?

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