Die Erbsünde

Warum ich das Pflichterbe für ein veraltetes Konzept halte …

Blut ist dicker als Wasser. Sagt man so. Halte ich generell für ebenso falsch wie den Pflichtanteil bei Erbschaften. Grundsätzlich ist der Gedanke ja ein schöner: Ich schufte mein Leben lang und gebe all das, was dabei rumgekommen ist, an die nächste Generation weiter. Dieses Modell sollte aber doch auf Freiwilligkeit basieren und nicht auf Zwang, oder?

Dass Blut dicker ist als Wasser, genau das bezweifele ich nämlich, und finde ich sogar gut. In unserer globalisierten, vollen Welt besteht die Möglichkeit, dass da immer jemand ist, auf den wir uns verlassen können. Ob das aber immer unsere Familien sein müssen, das wage ich zu bezweifeln. Natürlich ist es toll, wenn Mama, Papa, Kind und die Elefantentanten füreinander da sind, aber es gibt mittlerweile – glücklicherweise – genug andere Modelle der Fürsorge. Ich kenne zu viele kaputte Familienbeziehungen, um das Konzept „Blut ist dicker als Wasser“ als uneingeschränkt supi empfinden zu können.

Wenn Familien in sich aber nicht funktionieren, warum gibt es dann noch diesen tradierten Pflichtanteil beim Erben? Da schufte ich ein Leben lang, habe aber gar kein Bedürfnis, meine Ersparnisse und mein Haus an meine Kinder abzugeben. In einem gewissen Maße – aus einem merkwürdigen Traditionsverständnis heraus? – muss ich das aber. Selbst wenn mein Kind ein Poppes ist und sich ein Leben lang nicht um mein Wohlbefinden gekümmert hat. Selbst wenn mein Kind drogenabhängig ist und mein bitter Verdientes in Heroin fließen wird. Selbst wenn ich überhaupt keine Beziehung (mehr) zu meinem Kind habe. Das finde ich nicht richtig.

Es könnte ja durchaus Anreiz zum Beziehungsaufbau sein, wenn es keinen Pflichtanteil gäbe. Da überdenken vielleicht auch die egoistischsten Kinder mal ihr Verhältnis zu ihren Eltern. Ihre Rolle im Getriebe des Gebens und Nehmens. Natürlich reden wir hier nicht von Erbschleicherei, aber es ist schon arg einfach zu sagen: Es spielt ja keine Rolle, ob ich mich kümmere oder nicht – meinen Pflichtanteil bekomme ich ja ohnehin. Nur stimmt das eben derzeit genau so. Ein fragwürdiges Konzept.

Geld sollte nie Motivation für eine funktionierende Beziehung sein. Ich glaube aber auch andersherum nicht, dass es so funktioniert: Nur weil ich Moneten von meinen Eltern haben will, haben wir noch lange nicht von einer auf die andere Minute eine tolle Beziehung miteinander. Allerdings könnte es ein Anfangspunkt sein. Warum denn auch nicht?

Den Pflichtanteil beim Erben finde ich schlichtweg zu einfach. Der sorgt für ein Verharren in der Beziehung, da er feststeht. Er muss nicht „erarbeitet“ werden. Er ist kein Motivator, er ist Demotivator. Da geht es um viel mehr als um den schnöden Mammon.

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