Fight right!

streitenWie ich die deutsche Streitkultur finde…

HR Info hat gerade eine neue Seite ins Leben gerufen: besser streiten. Recht haben sie. Wir müssen mal kontravers über die deutsche Streitkultur diskutieren und verhandeln. Da tut sich nämlich was, und das ist gut so.

Auf der Seite kann mensch mitdiskutieren, Streitregeln definieren und sich einbringen. Gerade was dieses soziale Neuland Internet betrifft, eine riskante Sache, aber gut so. Und mutig. Wir Deutschen neigen nämlich dazu, unsere Persönlichkeit zu spalten, was Streits angeht: Entweder lassen wir sie vollkommen eskalieren (Prügeleien und Messerstechereien in der Öffentlichkeit, Angriffe im Internet unter der Gürtellinie) oder wir streiten einfach vollkommen destruktiv (privater Bereich).

Während in den südlichen Ländern durchaus mal ein Teller fliegen darf, gilt das bei uns als höchst unangemessen. Während im Norden auch mal Tränen laufen dürfen, gilt das bei uns als Unfair Play. Warum eigentlich? Streit ist doch etwas Emotionales und muss das auch sein dürfen. Nicht umsonst gibt es im Englischen keinen speziellen Begriff dafür, sondern ist mit fight dem Kampf gleichgestellt. Es geht schließlich genau darum, Position zu beziehen, ein Bedürfnis auszudrücken, für sich selbst zu stehen, etwas zu formulieren, wofür man steht. Insgesamt also etwas sehr Positives. Warum verwehrt sich der Deutsche da jeglicher Emotion?

Das sollte nicht falsch verstanden werden: Ich bin dagegen, sich bei Streits in die Haare zu gehen, sich gewalttätig (körperlich und sprachlich) anzugreifen oder ähnliches. Aber mensch muss eben auch herauslassen dürfen, was einen beschäftigt und offenbar belastet. Dass das nicht ohne emotionale Ausbrüche geht, das ist doch irgendwie logisch und folgerichtig. Das am Teller auszulassen, ist der richtige Weg, dem tut es nicht weh, und wir haben Druck abgelassen, ohne den Streitpartner zu verletzen.

Streitpartner finde ich dabei einen ganz wichtigen Begriff: Meiner Meinung nach sollten Streits stets konstruktiv und respektvoll bleiben. Sobald sie argumentativ nur noch in ein „Du bist doof!“ oder „Ist eben so.“ übergehen, ergeben sie keinen Sinn mehr und schaden der Beziehung nur noch. Denn eins sollen sie schließlich immer sein: Beziehungsarbeit. Wir streiten, um unsere Beziehungen zu verbessern. Auf jeder Ebene, von der Familie, über Freunde bis hin zur Liebe. Dass die von Anfang an perfekt sind, dass uns nie etwas stört, dass wir immer auf Augenhöhe sind, das ist utopisch. Und um da Stellschrauben zu haben, müssen wir ausfechten. Wir müssen sagen, was uns stört, um das Gleichgewicht herzustellen. Die Konsequenz wären andernfalls Beziehungen, die unzufrieden und unausgeglichen machen. Langfristig unglücklich.

Deswegen ist Streit etwas Positives und nichts, vor dem sich gefürchtet werden müsste. Das vermieden werden müsste. Oder gar ein schlechtes Zeichen für eine Beziehung. Dazu finde ich allerdings zwei Dinge besonders wichtig: Streits dürfen keine überhand nehmen, und es sollte stets ein (positiver) Abschluss gefunden werden.

Wenn sich in Beziehungen nur noch gestritten wird, dann stimmt etwas Grundlegendes nicht (mehr). Dann sollte darüber nachgedacht werden, was grundsätzlich nicht in Ordnung ist – und überprüft, wie und ob sich das beheben lässt. Und wenn ein Streit im Nichts endet, wenn nicht zu Ende verhandelt wird, sondern einer türknallend den Raum verlässt oder schlafen geht, dann sorgt das langfristig für Frustration. Etwas, was keiner Beziehung gut tut.

Dasselbe gilt natürlich nicht nur im privaten Bereich, sondern ebenso im Politischen: Auch hier neigen die Deutschen zu einer Streitvermeidungshaltung, die ich als sehr negativ empfinde. Denn: Gerade hier müssen doch Positionen bezogen, vermittelt und ausgefochten werden. Wie kann ich etwas verhandeln und Entscheidungen treffen, wenn ich entweder nur ja sage, mich dem Ganzen vollkommen entziehe, indem ich ihm seinen Lauf lasse, oder alles ablehne? Das ist keine Streitkultur. Vor allem im Land der Dichter und Denker.

Daher: mehr Streits, mehr Offenheit, mehr Diskussionen, mehr Kontraversen. Wie schon der Herr im Himmel sagte: Fürchtet euch nicht!

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