Friss Scheiße!


Warum ich meine Einstellung zum Mainstream nochmal überdenken muss…

„Eine Million Fliegen können sich nicht irren.“ So lautet das Ende des titelgebenden Sponti-Spruches. Purer Sarkasmus natürlich – und so etwas wie ein Lebensmotto für mich. Inzwischen zumindest. Natürlich habe ich früher Klamotten bei H&M gekauft und die BRAVO gelesen und zugegebenermaßen kommt das auch heute noch vor. Aber im Großen und Ganzen suhle ich mich in einem selbstverliebten Individualitätswahn.
Große Brillen fand ich cool, bis sie alle cool fanden. Die Neon konnte ich lesen, bis mir die Artikel nicht mehr aussagekräftig und innovativ genug waren. Eulen fand ich niedlich, bis sie plötzlich auch in stationären Geschäften in Form von Ohrringen, Shirts und Taschen auftauchten. Bubble Tea und Kaffee Latte fand ich nie cool. Aber ich denke, das Prinzip ist klar.

Ich mag es, wenn wir alle nicht in einer Einheitsbrei-Masse untergehen. Ich mag es, wenn ich Kleidung, Schmuck und Frisuren sehe, an denen ich mir erfreue oder störe. Die irgendwie auffallen. Weil sie etwas Besonderes sind. Ich mag es, wenn Leute etwas aus sich machen. Die Deutschen neigen zu 08/15, was ihr Äußeres angeht. Jeans, Pulli, fertig. Da wird im schlimmsten Fall nicht mal drauf geachtet, ob irgendwas zusammenpasst. Von den klischeehaften Tennissocken in Sandalen will ich gar nicht anfangen. Was die Mode angeht, finde ich den Mainstream immer noch ganz furchtbar.
Aber: Es gibt ja auch so etwas wie eine Mainstreamkultur. Das, was in den berühmten Feuilletons nur mit gerümpfter Nase besprochen wird. Das, was in den Bestsellerlisten ganz oben steht. Und um das ich aus Prinzip mit ebenso gerümpfter wie erhobener Nase einen Bogen mache. Machte? Ich bin verunsichert.
Warum? Weil ich jetzt schon mehrmals in diesen Bereich eingetaucht bin (natürlich unter Zwang, freiwillig würde ich so etwas niiiie machen), ohne dass ich dabei Schaden genommen hätte. Ich sag’s sogar ganz leise: sogar mit Spaß. Konkret habe ich gerade „Er ist wieder da!“ konsumiert. Wir erinnern uns: Hitler ist zurück, wird Comedian,… Dieses Cover mit scherenschnittartigem Hitlerbart und -frisur. Jedenfalls fand ich es großartig. Es ist leicht geschrieben, sicher keine Hochliteratur, aber es wirft gesellschaftliche Fragen auf, bei denen ich mir kontravers die Hände reibe. Und das ist das, was Literatur für mich soll. Beziehungsweise Kultur im Allgemeinen. Ich möchte Denkanstöße, und die kriege ich hier. Nur weil eine Million Fliegen es gut fanden, muss es nicht schlecht sein.
Das bedeutet nicht, dass ich mich jetzt die Bestsellerlisten auf und ab lesen möchte. Dazu gibt es einfach zu viele Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt, die mir doch interessanter erscheinen als beispielsweise der berüchtigte Darm. Wir alle haben ja auch nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Aber: Ich nehme zumindest mit, dass ich mich nicht gegen Dinge sperren sollte, nur WEIL sie auf der Bestsellerliste stehen. Vielleicht also muss ich mich da einer gewissen Überheblichkeit doch langsam mal entledigen. In „Hummeldumm“ lesend, muss ich dann aber zumindest fortan definitiv einen Dawanda-Rock tragen, um meine Individualität hinreichend zum Ausdruck zu bringen.

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