Get lucky…

Warum gute Vorsätze eher unglücklich machen…

Wenn ein Jahr zuende geht – besonders eins, in dem Pharell Williams’ Happy so oft zu hören war -, kommt der Punkt, an dem wir uns wie zwangsläufig mit (unserer) Zukunft auseinandersetzen: Wie war das vergangene Jahr? Wie wird das kommende? Was kann und was sollte besser werden und wie können wir selbst dazu beitragen? Und dann sind sie plötzlich da: die guten Vorsätze. So hilfreich wie Ablassbriefe im Mittelalter, die ebenfalls Zeichen eines schlechten Gewissens und einer empfundenen Unzufriedenheit waren – aber auch dafür, dass wir alle nach mehr streben, nach tiefgehender Zufriedenheit mit unserem Denken und Handeln. Das Streben nach Glück.

Jedes Jahr zu Silvester ist es wieder soweit: Glücksklee wird in Töpfchen verkauft, Plüschschweinchen zieren das Sofa, Blei wird in der Hoffnung gegossen, das stabilisierte Glück vor Augen zu haben (ein Pessimist ist der, der im unförmigen Bleiklumpen etwas Schlechtes sieht). Was aber ist denn dieses Glück, das wir alle im neuen Jahr haben wollen? Was macht uns denn glücklich?

“Alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher.“, meinte schon Bertolt Brecht. Recht hatte er. Denn scheinbar ist es das, was wir alle wollen und doch nie erreichen: Zufriedenheit, Glück, Seligkeit. Was das genau bedeutet, wissen wir nicht, denn scheinbar gibt es höchstens Momente des Glücks, die wir als solche bezeichnen, selten aber einen wirklich dauerhaften Zustand. Unser Streben geht sogar soweit, dass es beispielsweise als Pursuit of Happiness in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung eingegangen ist. Auch hier ohne genaue Definition, um was es sich eigentlich handelt und wie es sich erreichen lässt. Diese riesige gesellschaftliche Bedeutung lässt sich auch am deutschen Wortstamm erkennen: Im Mittelhochdeutschen bezeichnete gelücke sozusagen das Happy End von etwas. Wir aber wollen nicht nur ein glückliches Ende, sondern ein glückliches Immer.

Aber apropos Ende: Am unglücklichsten sind wir in der Mittelphase unseres Lebens, also in der Zeit, in der wir am meisten denken, handeln und reflektieren. Und Entscheidungen treffen (müssen), die mitunter schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Kinder dagegen sind – von normalen Lebensumständen ausgehend – ebenso glücklich wie ihre Großeltern, die sich in großen Schritten auf das (Happy?) End zubewegen. Ein glückliches Hier und Jetzt reicht uns aber wohl auch noch nicht: So meint beispielsweise Arisoteles, dass der Anspruch an unser eigenes Glück sogar über den eigenen Tod hinausgeht: Wir sind also nicht mal zufrieden damit, ein glückliches Leben zu führen, sondern darüber hinaus wollen wir auch noch in guter Erinnerung bleiben, wollen nicht, dass nach unserem Ableben schlecht über uns geredet wird.

Was also macht uns denn glücklich oder unglücklich? Als gängige Glücksfaktoren gelten Gesundheit, Familie, Beziehungen und Freunde, der Arbeitsplatz, Vermögen und Glaube. Interessanterweise handelt es sich dabei um Punkte, die ebenfalls zu größtem Unglück führen können – vielleicht sogar mehr als zu tief empfundenem Glück? Wenn alles gut läuft mit diesen Faktoren, dann nehmen wir das schließlich oftmals gar nicht so wahr oder erwarten sogar, dass sich bereits eine baldige Änderung Richtung Unglück anbahnt. Kann ja gar nicht anders sein. Hoffentlich aber nicht, drei Mal auf Holz geklopft.

Glücksfaktor 1 – die Gesundheit – hat gesellschaftlich betrachtet einen speziellen Wert. “Hauptsache, es ist gesund.”, sagt man auf ein baldig Geborenes bezogen, Gesundheit wünschen wir uns und anderen in den verschiedensten Situationen, nicht ganz kniggegerecht schon beim Niesen. Und doch ist Gesundheit keiner der Glücksfaktoren, die wir bewusst wahrnehmen. Er funktioniert stattdessen nur mit seinem Kontrahenten Krankheit. Und während dieser immer und ausnahmslos für Unglück, Unwohlsein und Unzufriedenheit sorgt, selbst wenn es nur eine kleine Erkältung ist, nehmen wir Gesundheit im Alltäglichen als so normal wahr, dass wir darüber nicht besonders zufrieden sind.

Familie, Freunde, Beziehungen zu Arbeitskollegen oder generell zu anderen Menschen können uns natürlich sehr glücklich machen. Habe ich einen großen Freundeskreis, immer jemandem zum Quatschen, wenige, aber sehr gute Freunde – all das sind Dinge, die wir mehr oder weniger bewusst wertschätzen. Selbst kleine Streitereien und Unstimmigkeiten ändern an diesem Faktor meist wenig. Wenn aber irgendwas nicht stimmt, ich meine eigene Einsamkeit oder Isolation bemerke, dann kann sehr schnell ein Unglücksfaktor entstehen, der noch viel größer ist als das potenziell erreichte Glück. Falls ich nicht so viele Freunde habe, mit bestimmten Kollegen einfach nicht warm werde oder irgendwie komisch behandelt werde, dann zweifele ich nicht an der Welt, ich zweifle an mir. Und Selbstzweifel machen ganz sicher nicht glücklich und zufrieden.

Geld ist beim Glück so eine Sache. Wünschen wir uns das an Silvester vielfach ganz besonders oder bewerben wir uns doch mal bei ‘Wer wird Millionär?’ oder ‘Schlag den Raab’, setzen wir all unser Glück auf die 15 beim Roulette, so ist Wohlstand doch nichts, was uns für sich gesehen glücklich macht. In westlichen Industrienationen liegt das magische Jahresgehalt bei 60.000 Euro – darunter sind wir potenziell unglücklicher, darüber im Regelfall aber auch nicht glücklicher. Das gilt vor allem in Relation: Verdienen wir 60.000 Euro, unser rotzfrecher, fauler Kollege bekommt jedoch mehr, dann macht uns dieses Salär nicht glücklich. Und eine Lohnerhöhung steigert unser Glück auch nur für ungefähr ein halbes Jahr. Dann haben wir uns an das Mehr gewöhnt und nehmen es nicht mehr als besonders toll zur Kenntnis. Gewöhnung ist beim Glück leider oft ein Faktor, der eben nicht zu gesteigerten Zufriedenheit führt, sondern vielmehr zu einem Wahrnehmen als normal. Normales aber macht nicht glücklich. Wir brauchen also immer, immer, immer mehr. Selbiges gilt für den Arbeitsplatz: War ich arbeitslos und erhalte einen Job, bin ich glücklich. Nach einem halben Jahr habe ich mich an den Zustand der Arbeit gewöhnt und bemerke, dass die Stelle nicht das Gelbe vom Ei ist, langfristig wird sie mich nicht glücklich machen, denke ich. Ich mache mich also auf die Suche nach etwas Neuem – und der Hamster im Laufrad des Glücks fängt wieder an zu rennen.

Mit dem Glauben ist es ganz schwierig beim Glück. Hierüber lässt sich Vieles rechtfertigen: Geschieht mir ein Unglück, verliere ich meinen Job, trennt sich mein Partner – alles wessenauchimmer verschlungene Pfade. Er wird schon wissen, was gut für mich ist; mir wird sich der Sinn – wenn überhaupt – erst später erschließen. Ein Sinngeben eines Unglückszustands kann schließlich dafür sorgen, dass man ihn nicht so sehr als solchen wahrnimmt und auf den glücklichen Ausgang, das gelücke, vertraut: Die obere Instanz wird es schon richten. Gleichzeitig kann der Glaube auch für Unglück in verschiedenfacher Ausprägung sorgen. Aber das ist ein anderes Thema und soll ein andermal diskutiert werden.

Viele dieser Faktoren hängen mit Erwartungen zusammen. Erwarte ich eine Lohnerhöhung und bekomme sie, so macht mich das mittelmäßig glücklich (für 6 Monate). Bekomme ich sie – wider Erwarten – aber nicht, bin ich enttäuscht, frustriert, wütend, in jeden Fall unzufrieden. So mag zwar Vorfreude die schönste Freude sein, kann im Umkehrschluss aber auch die größte Enttäuschung und damit ein unglückliches Gefühl nach sich ziehen. Und damit kommen wir zu den Stoikern, die für mehr Lockerheit im Umgang mit nicht erwarteten Umständen plädieren: Nehme ich eine Situation an, auch wenn ich sie nicht gewünscht habe, dann besteht immer noch die Chance, damit glücklich zu werden. Anders als wenn ich in meiner rotzigen Ablehnung verhaftet bleibe, die zwangsläufig zu Unfriedenheit führt. Die innere Haltung spielt entsprechend eine entscheidende Rolle bezüglich des inneren Glücksgefühls. Blöderweise lässt sich die nicht erzwingen und kommt schon gar nicht von einem auf den anderen Tag.

Die anschließende Frage ist, ob Glück mehr ist als die Abwesenheit von Unzufriedenheit. Reicht uns das als angestrebter Zustand oder erwarten wir vielmehr ein orgastisches Gefühl der Freude, das als Dauerzustand nahezu utopisch zu erreichen ist? Ist also Glück etwas Kurz- oder etwas Langfristiges? Und: Warum streben wir eigentlich so sehr danach? Was wäre beispielsweise, wenn es das Wort Glück und die gesellschaftlich zusammenhängende Bedeutung überhaupt nicht gäbe? Was wäre, wenn wir einfach lebten? Wäre unser Leben dann mehr oder weniger sinnvoll?

Da kommt dann auch die Matrix ins Spiel. Oder auch das Gedankenexperiment des amerikanischen Philosophen Robert Nozick: Wenn es eine Maschine gäbe, mit der wir alles hätten, was uns glücklich macht, es wäre aber – ohne das wir das dann noch wissen – nicht real, benutzen wir dann diese Maschine oder bevorzugen wir unser imperfektes Leben mit allen Phasen des Unglücks? Die meisten Menschen entscheiden sich wohl gegen die Maschine und somit gegen das irreale, aber dennoch fühlbare Glück. Ist uns Glück also doch gar nicht so wichtig? Treffen wir im richtigen Moment die richtige Entscheidung für die Realität? Oder sind wir einfach dumm und in unserer veralteten Wertvorstellung von Realität steckengeblieben?

In diesem Wissen – dass die Imperfektion des Glückszustands vielleicht ganz okay ist -, kann man aber vielleicht auch entspannter in ein neues Jahr gehen. Nicht mehr zu rauchen, macht vielleicht wohlhabender, gesünder und zufriedener; sein Gewicht zu verändern, bringt vielleicht neue Chancen in Partnerschaft und Beruf; mehr Sport macht vielleicht auch gesünder und attraktiver. Aber das Verhältnis muss stimmen. Und es sollte kein Zwang daraus werden, der zum Scheitern verurteilt ist und somit unglücklich macht. Vielleicht muss man das vermeintliche Glück gar nicht jagen, sondern sich einfach hinsetzen und genießen – und dann setzt sich eventuell ein kleiner Glücksschmetterling auf die Nase, wenn wir einfach mal reflektieren, wie gut es uns geht, ohne dass wir uns besonders anstrengen müssen.

Frohes Neues!

 

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