Hate Vegas

Warum ich Las Vegas als Ausdruck einer ekligen Freizeitkultur empfinde …

Ganz früher, da saßen wir Homo Sapiens nach getaner Arbeit am Lagerfeuer zusammen. Wir grunzten uns die ein oder andere Geschichte zu, um uns danach zufrieden auf unsere Felllager zu betten. Schliefen, bis uns der Höhlenlöwe aus dem Schlaf krähte, und verrichteten die steinerne To Do-Liste des Tages bis wir abends wieder gemeinsam am Lagerfeuer saßen und uns das tägliche Murmeltier grüßte. Wenn das heutige Tagwerk vollbracht ist, fahren wir nach Las Vegas.

Natürlich ist das auf die Spitze getrieben. Aber allein die Begrifflichkeit „Unterhaltungsindustrie“ ist doch pervers, wenn wir mal drüber nachdenken: Da hat sich eine separate Industrie entwickelt – neben der „sinnvollen“, herstellenden oder serviceorientierten –, die sich ausschließlich damit beschäftigt, uns eine potenziell schöne Zeit zu bescheren. Es ist ein bisschen wie ein satanischer Deal: Work hard, play hard.

Wir arbeiten in Jobs, die uns auslaugen, keinen Spaß machen, nicht erfüllen, zu viel sind, uns nerven – aber das macht nichts, wir bekommen ja einen fairen Ausgleich dafür. Erstmal Geld, und das setzen wir dann um in Belohnungen der Freizeitindustrie. Seien das Diskos, Kino, Flachbildschirme, Events jeglicher Art, Freizeitparks oder eben Las Vegas. Letzteres ist dabei für mich die Spitze des Eisbergs.

Grundsätzlich finde ich ein solches Belohnungssystem auch nicht verkehrt. Ich habe lediglich den Eindruck, dass wir vom Genusscharakter weggekommen sind und uns stattdessen wie Drogenabhängige nur noch an die Nadel hängen, um den Schmerz des Alltags (oder der Arbeit?) nicht mehr zu spüren. Es muss laut sein, es muss krachen, es muss eben „play hard“ sein. Das darf es mal, aber nicht in Ausschließlichkeit. Hierin besteht für mich das Problem. Wie viel seltener sind Spiele-Abende mit Freunden statt der wilden Partynacht geworden – oder statt sich einfach vor die glitzernden Pixel des „Tatorts“ zu setzen?

In Las Vegas gibt es so gut wie keine ruhige Ecke. Da ist von morgens bis morgens Party, Musik, Geblinke, Frauen, Brüste. Malle mal 100. Sich mit jemandem irgendwo hinsetzen und quatschen? Ganz sicher nicht. Aber dafür kommen wir ja auch nicht in dieses beschauliche, natürlich gewachsene Wüstenstädtchen. Das wollen wir ja. Die laute Betäubungsspritze Nevadas.

Ich sage nicht, dass das nicht sein darf oder sein soll. Ich verurteile auch niemanden dafür, scharf auf diese Art des Wegmachens zu sein. Ich sage nur, dass wir hin und wieder die Qualität unserer eigenen Unterhaltungsvorstellungen überprüfen sollten. Warum nicht mal wieder mit Freunden puzzeln, sich bei einem Glas Wein zusammensetzen oder gemeinsam einen Film im heimischen Wohnzimmer gucken? Denn die Gemeinsamkeit, das ist doch das, was uns menschlich macht, was uns vor Isolation schützt, was uns letztendlich glücklich macht. Wir sind doch Gruppentiere und keine Party-Einzelkämpfer. Auf dass wir uns öfter mal auf unser prasselndes Lagerfeuer besinnen.

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