Auf der anderen Seite des Kontoauszugs

HierarchiegeldWarum es ein merkwürdiges Gefühl ist, plötzlich nicht mehr das unbezahlte Glied auf der Hierarchieleiter zu sein…

Und plötzlich stehe ich auf der anderen Seite. Da schaut mich im Büro eine Praktikantin mit großen Augen an und fragt: „Du kriegst aber schon Geld, oder?“ Sie studiert, absolviert hier ihr Pflichtpraktikum und hat eindeutig mehr Erfahrung als ich. Beide erledigen wir unsere Aufgaben aus Spaß und Pflicht: Wir lieben den Job, wir wollen aber auch mal Geld damit verdienen. Was uns unterscheidet, ist, dass eine von uns es schon tut. Diesmal bin das ich.
Auch ich habe unbezahlte Praktika absolviert. Ich habe sogar ein Volontariat gemacht, bei dem ich auf Minijobbasis bezahlt wurde. Das ist alles nicht richtig gewesen, aber man macht es, weil man gefühlt gar keine andere Wahl hat. Und man hat immer neidvoll zu denen aufgeblickt, die nicht nur in der Hierarchie direkt über einem standen, sondern eben auch im Gehalt eine Stufe weiter waren. Was der Chef verdient, war mir persönlich immer reichlich egal. Was die Volontärin verdient oder auch die Auszubildende, das hat mich gewurmt. Weil die an Erfahrungen und Kompetenzen gar nicht so viel weiter wirkten als ich. Teilweise sogar inkompetenter und unerfahrener. Und trotzdem scheffelten die gefühlsmäßig Geld. Nicht fair. Fies.
Und jetzt sitzt sie da plötzlich neben mir und es ist andersrum. Merkwürdiger Moment. Und sie will wissen, wie viel ich denn bekomme. Und obwohl ich immer offen sein wollte, was sowas angeht, kann ich es ihr nicht sagen. Will den Neid nicht noch erhöhen, weil ich verflucht nochmal so genau weiß, wie es sich anfühlt…
Und dann denke ich wieder über diesen verdammten Mindestlohn nach und wie ekelhaft es ist, dass Pflichtpraktikanten den nicht bekommen müssen. Nicht aus Gründen der Herzensgüte, sondern einfach, weil ich sehe, dass sie monatelang qualitative Arbeit leisten, die ihnen im besten Fall durch korrektes Verhalten gedankt werden und indem sie etwas lernen. Im schlechtesten Fall haben sie sich abgerackert, bekommen ein Zeugnis und haben traumatische Erfahrungen im menschlichen Umgang aus der Arbeitswelt mitgenommen (das ist dramatisiert, ich weiß, aber im Kern nicht unwahr). Abgesehen davon, dass sie einfach nur blöde Aufgaben gemacht haben, die ihnen für später nichts bringen.
Wie gut eine Praktikumsstelle ist, lässt sich vorher kaum feststellen. Es gab immer mal Versuche, entsprechende Bewertungsportale zu etablieren, aber im Sinne der Anonymität ist es für ehemalige Praktikanten einfach eine Überwindung, sich bei sowas zu beteiligen. Schließlich könnte das im Zweifelsfall immer auf einen zurückgeführt werden. Und dann? Das ganze Abrackern umsonst. Jobchancen nochmal gesunken. Da wird man doppelt bestraft für ein ohnehin doofes Praktikum. Und das ist das Risiko im Zweifelsfall eben nicht wert…
Bezahlung löst all diese Probleme nicht. Aber sie ist eben eine Honorierung. Ich betone immer wieder, dass ich nicht erwarte, dass sich jemand einen goldenen Hintern mit einer Praktikumstätigkeit verdienen muss (gerne, wenn sich das Unternehmen das leisten kann). Ich finde es auch okay, dass Praktikanten bis zu vier Wochen nicht bezahlt werden. Alles okay. Aber danach kann man davon ausgehen, dass sie einen wichtigen Beitrag für die Firma leisten können (und in der Regel auch wollen, da haben sie ja selbst etwas von). Und dann darf sich dieser Beitrag doch auch finanziell ausdrücken. Nein, muss sich finanziell ausdrücken. Denn das ist das einzige, was das Unternehmen – im Gegensatz zu menschlichem Umgang – garantieren kann. Es heißt nicht umsonst: verdienen. Zahlt wenigstens einen kleinen Lohn, sorgt für Verpflegung und eine Fahrtkostenübernahme – das ist das Mindeste.
Und was lerne ich daraus? Einfach nicht zugeben, dass ich Geld bekomme? In den Betriebsrat? Ich weiß es noch nicht.

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