OK.KULT.UR

Warum Kultur und Ur-Kult blöd zusammenhängen…

Ich habe letztens ein Interview des Spiegels mit AfDler Björn Höcke gelesen, in dem er sagte, Multikulti sei zwangsläufig das Ende der Kultur. Nicht unserer Kultur. DER Kultur. Das hat mich nachdenklich gemacht.

Alleine von der Wortzusammensetzung her macht seine Aussage natürlich überhaupt keinen Sinn: Multikulturalismus bedeutet ja lediglich viele Kulturen. Aber was heißt das denn eigentlich? Viele unterschiedliche? Eine Kultur mit vielen Menschen unterschiedlicher „Kulturzugehörigkeiten“? Gibt es überhaupt so etwas wie eine einzige Kultur, mit der wir uns identifizieren? Ist Kultur gesellschaftlich bestimmt oder eher individuell? So sehr regt mich die AfD zum Nachdenken an.

Ich persönlich verstehe unter Kultur die Einhaltung bestimmter Werte und zwar sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf persönlicher Ebene. Dazu gehört Bildung ebenso sehr wie Verhaltensregeln und bestimmte Überzeugungen.

Beispiel: Ich finde es wichtig, dass jedes Kind zur Schule geht und dass es dazu hierzulande sogar eine Schulpflicht gibt. Ich finde es auch richtig, dass Männer und Frauen Gleichbehandlung erfahren, woran sicher noch gearbeitet werden kann und muss, aber was zumindest in der Basis gegeben ist. Und ich finde es richtig und wichtig, dass „bitte“ und „danke“ gesagt wird und wir mit Messer und Gabel essen, meistens jedenfalls. Auch dass Bücher, Bibliotheken, Museen und sonstige „Kultur“veranstaltungen staatlich subventioniert werden, finde ich generell korrekt, wenn auch vielfach inkonsequent umgesetzt. So. Das zu meinem Kulturverständnis.

Wenn jemand nach Deutschland kommt, dann erwarte ich auch, dass sich derjenige (Müsste ich gendertechnisch jetzt eigentlich „dasjenige“ schreiben?) an gewissen Regeln orientiert. Ich möchte, dass er sich sowohl an Gesetze hält als auch an ungeschriebene Konventionen (wie „bitte“ und „danke“ sagen). Und zwar, solange es um ein funktionierendes gesellschaftliches Miteinander geht.

Isst allerdings mein indischer Nachbar sein Dali mit den Fingern und mein chinesischer Kommilitone schlürft seine Nudeln laut, dann stört mich das nicht im Geringsten. Es entspricht nicht dem, was ich kenne und als meine Kultur bezeichnen würde, aber: Es schränkt mich und unser Miteinander nicht ansatzweise ein. Im Gegenteil: Es bereichert und erweitert den Horizont. Hätten wir alle immer nur auf unserer althergebrachten Kultur bestanden, wäre das mit der Globalisierung und der Pizzeria an der Ecke schwierig. Ach, schon mit Nudeln wäre es schwierig geworden.

Kann also Multi-Kulti das Ende von Kultur per se bedeuten? Auf gar keinen Fall. Es bedeutet wahrscheinlich zwangsläufig das Ende einer althergebrachten Kultur. Die aber ist vermutlich sowieso eine Illusion, denn Einflüsse gibt es immer, alleine schon durch neue Generationen. Vergleichen wir nur mal die verschiedensten Epochen. Verfolgte Höcke diesen Anspruch in aller Konsequenz, dann müsste er von seiner Logik her leben wie die alten Germanen. Irgendwie bezweifle ich, dass er das möchte.

Warum also fällt es uns so schwer, uns von Dingen zu lösen? Warum fällt es uns so schwer, uns auf Neues einzulassen? Warum sind wir so oft Traditionalisten, die sich krampfhaft und grundlos an Altem festhalten, das es längst in einer besseren Version seiner selbst gibt? Weil wir Sicherheit schätzen, denke ich. Der Aufbruch in Unbekanntes, der verunsichert. Lieber nicht blamieren beim Versuch, die Essstäbchen richtig zu halten. Lieber verurteilen: Diese blöden Schlitzaugen mit ihrem primitiven Esswerkzeug. Das ist so viel einfacher. Und so viel dümmer.

Solange wir unsere eigenen, persönlichen Grundüberzeugungen nicht aus den Augen verlieren, weil wir uns zu sehr beeinflussen lassen, schadet das Wagnis Unbekanntes aber bestimmt nicht.

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