Macht! Los! Machtlos …

Warum ich meinen Platz im Integrationsprozess noch nicht gefunden habe …

Diese Woche habe ich gelernt: Ich bin ein saturierter Bürger der Mittelschicht, der seine politische Pflicht nicht erfüllt und in der Folge zum Schandfleck der deutschen Gesellschaft wird. Aua.

Ja, ich fühle mich angegriffen. Von den deutschen Medien. Aber, wie sagt es meine Mutter oft? „Ein getroffener Hund bellt!“. Vielleicht ist ja was dran. Vielleicht tue ich wirklich nicht genug. Vielleicht könnte ich viel mehr dafür sorgen, dass sich Flüchtlinge hier wohlfühlen. Vielleicht trage ich sogar einen Anteil daran, dass sie es nicht tun.

Ich habe Flüchtlingen Sprachunterricht gegeben. Und ich habe die Polizei angerufen, als sich optische Ausländer vor mir entblößten. Gehöre ich also wirklich dieser verunsicherten, saturierten, apathischen, lethargischen, zwiegespaltenen Mitte an, die von den Medien gerade so angegriffen wird? Zu denen, die nicht so richtig wissen, was sie von dieser ganzen Flüchtlingsdebatte halten sollen? Die im Zweifelsfall lieber sagen „Ausländer raus“, als zu einer Pro-Flüchtling-Demo zu gehen? Nein. Und trotzdem fühle ich mich machtlos. Und diese Machtlosigkeit wirkt vielleicht lethargisch. Weil ich ja tatsächlich nichts tue. So im Großen.

Meine Verunsicherung kommt daher, dass ich einfach nicht weiß, was ich tun könnte. Ja, ich kann auf den entsprechenden Demos mitlaufen, mache ich auch, sobald es in meiner Heimatstadt soweit ist. Versprochen. Aber dann? Was kann ich persönlich denn noch tun? Wie kann ich helfen? Was kann ich machen, um produktiv am Integrationsprozess teilzunehmen? Und: Ist das je genug?

Statt mich also wirklich mit Initiativen zu befassen, statt mich ehrenamtlich für Organisationen zu interessieren, verharre ich lieber. Aus einer komischen Unsicherheit heraus. Wie geschrieben, vielleicht aus dem Gefühl heraus, dass es sowieso nie reichen wird, was ich mache. Dass es nicht wahrgenommen wird und entsprechend irrelevant sein wird. Wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Dabei machen viele Tropfen sehr wohl nass.

Klar etabliere ich Toleranz. Im Kleinen. Mir ist nicht nur jegliche Hautfarbe auf den deutschen und nicht-deutschen Köpfen vollkommen wurscht, sondern auch der Kleidungs- und Ernährungsstil, die Sprache oder gar die Hautfarbe. Wirklich. Wenn jemand „Negerkuss“ sagt, fühle ich mich merkwürdig, vielleicht spreche ich ihn sogar darauf an, aber Toleranz ist für mich auch, etwas zu akzeptieren, womit ich nicht einverstanden bin. Deswegen finde ich auch das Verbot von als rechts geltender Marken oder gar Parteien falsch. Undemokratisch. Es ist für mich nicht das Rechte, das Teil der Demokratie zu sein hat, wohl aber die Debatten, die mit ihm oft ausgelöst werden. Denn ohne Debatten funktioniert, meiner Meinung nach, keine Demokratie.

Das mag dem ein oder anderen eine zu radikale Auslegung von Toleranz sein, aber es ist meine Ansicht – und nicht umsonst gehört zu einer Demokratie immer, immer, immer auch Meinungsfreiheit.

Ich sage, was ich denke. Ich beurteile andere, da ich das für unvermeidbar und menschlich halte. Ich verurteile aber niemanden und niemandes Verhalten. Und ich fühle mich schuldig dafür, nicht mehr zu tun. Nicht mehr Verantwortung zu übernehmen. Meine Schuld wiederum führt dazu, dass ich jeden Menschen, dem ich begegne, erstmal freundlich anlächele. Das ist mein Beitrag zur deutschen Toleranz. Mein Beitrag im Integrationsprozess. Der ist winzig. Und ich könnte mehr machen. Aber ist er deswegen wirklich irrelevant? Oder bin ich einer der Kiesel vor der Lawine?

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