Numerus Arrogantibus

Warum der NC für mich fraglos eine blöde Idee ist…

Seit Wochen wird in den Medien über den NC diskutiert. Ist er für die Mediziner jetzt richtig oder nicht? Bedeutet 1.0 wirklich, dass ich ein guter Arzt werde? Reicht das als Kriterium? Was ist denn jetzt eigentlich mit diesem ungreifbaren Faktor „Menschlichkeit“? Ganz ehrlich? Ich verstehe die Diskussion gar nicht. Natürlich ist der NC als einziges Kriterium vollkommen unsinnig und überheblich. Gar keine Frage.

Kann jemand, der ein sehr gutes Abi hat, ein sehr guter Arzt werden? Ja. Kann jemand, der ein sehr gutes Abi hat, ein sehr schlechter Arzt werden? Ja. Kann jemand, der ein sehr schlechtes Abi hat, ein sehr guter Arzt werden? Ja. Kann jemand, der ein sehr schlechtes Abi hat, ein sehr schlechter Arzt werden? Ja.

Warum? Weil die Note nur wenig über die berufliche Eignung aussagt. Und zwar nicht nur im medizinischen Bereich, sondern auch in jedem anderen. Seit Jahrzehnten machen es sich die Unis auf dieser Ebene viel, viel zu leicht.

Natürlich brauche ich als Mediziner ein Grundverständnis für den menschlichen Körper und seine Funktionsmechanismen. Für dieses Grundlagenwissen schadet es mit Sicherheit nicht, in Naturwissenschaften gut gewesen zu sein. Die Interpretationsfähigkeit von Schillers „Glocke“ ist dem späteren Patienten dagegen vermutlich eher wurscht, während sie für den Germanistik-Professor doch eine erhebliche Rolle spielt. Gewisse fachliche Kompetenzen sind für Berufe selbstverständlich entscheidend. Wenn ich schon immer unsportlich war, führt es vermutlich zu wenig, eine Karriere als Handballstar anzustreben. Das ist den meisten aber auch klar – so viel Realismus tragen wir dann doch in uns, um uns nicht bewusst dem Scheitern auszuliefern.

So. Und nun? Ich finde die Antwort auch relativ simpel: Statt sich in ihrer elitären Arroganz zu suhlen, müssen sowohl die Universitäten beginnen, sich mit dem Zauberwerkzeug der Auswahltests zu beschäftigen, als auch die potenziellen Studenten von ihrem hohen Ross runterkommen, diese als zu aufwändig zu betrachten. Da muss nun mal auch jeder Auszubildende durch. Und, ja, das ist anstrengend.

Zu solchen Auswahltests müssen auch fachliche Kompetenzen gehören dürfen, aber auf einem sehr basalen Niveau. Unis können von ihren zukünftigen Studenten nicht verlangen, dass sie schon alles wissen – andernfalls negieren sie ihre eigene Aufgabe. Gleichzeitig dürfen aber auch andere Kompetenzen – nennen wir sie doch einfach mal Schlüsselkompetenzen oder Soft Skills – nicht vernachlässigt werden. Für Mediziner, für Lehrer oder für Sozialpädagogen ist beispielsweise der menschliche Aspekt wesentlich wichtiger, als für den Computernerd, der später mal in irgendeinem Kellerloch im Silicon Valley arbeiten wird. Für den spielt aber beispielsweise Geschicklichkeit eine entscheidende Rolle, die an keinem Schulzeugnis abzulesen ist.

Diese Soft Skills dürfen bei Auswahltests nicht unter den Tisch fallen. Und zwar durchaus in einem nicht unerheblichen Maß. Es kann nicht sein, dass die fachliche Kompetenz mit 90% gewichtet wird, während alles andere unter den Teppich gekehrt wird. Was habe ich von einem Arzt, der zwar hochgradig kompetent ist, mir aber menschlich nicht weiterhilft, beziehungsweise, bei dem ich mich so unwohl fühle, dass er meine Rekonvaleszenz von was auch immer beeinträchtigt. Selbiges gilt für Lehrer: Was habe ich von einem Pauker, der da vorne steht und (fast) alles über das Periodensystem weiß, aber unfähig ist, es mir so zu vermitteln, dass wir sein Wissen teilen können?

Soft Skills sind keine neue Erfindung. Sie ernst zu nehmen, vielleicht schon. Viel zu lange saßen Dozenten und Studenten in ihrem Elfenbeinturm und haben ausschließlich auf Fachkompetenzen gesetzt. Und folglich Fachidioten geschaffen. Wir sollten damit anfangen, Soft Skills nicht als die kleine Schwester der „echten“ Skills zu betrachten, sondern beide als gleichberechtigtes Geschwisterpaar, das nur zusammen optimal funktionieren kann.

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