Neue Deutsche Welle

Warum deutsche Texte mir oft Schmerzen verursachen …

Ich bin Germanistin. Anglizismen finde ich oft ganz fürchterbar, manchmal aber auch sehr hilfreich. Ich spiele gerne mit der deutschen Sprache. Ich reime auch manchmal ganz sinnfrei vor mich her. Schließlich leben wir im Land der Dichter und Denker. Was Johann Wolfgang und sein Kumpel Friedrich mit Sprache getrieben haben, finde ich großartig. Deutsche Musik allerdings geht mir zunehmend on the cookie. Oder wie das heißt.

Grundsätzlich finde ich es einen schönen Gedanken, dass deutsche Künstler die eigene Sprache wiederentdecken. In Frankreich ist das ja schon lange – sogar gesetzlich – ein Muss. Dieses Entdecken hat qualitativ zwei Vorteile: 1. Die Künstler bemächtigen sich nicht eines grammatikalisch fragwürdigen oder vollkommen simpel gestrickten Englischs („Take me tonight?“, „Klaws, du Wutz!“), das man nicht so genau hinterfragen sollte. 2. Jeder des Deutschen Mächtige versteht, wovon sie da singen, was beim Standard-Englisch eben oft nicht der Fall ist. Zu verstehen, wovon da gesungen wird, hat zumindest die Idee, dass die Identifikation höher ist und die Wahrscheinlichkeit des Drüber-Nachdenkens steigt. Ersteres erfreut den Künstler, Zweiteres zum Beispiel mich.

Ich finde es auch toll, dass in diesem Fall nicht mehr ein so signifikanter Wert auf internationale Popularität gelegt wird. Mit deutscher Musik erreicht man so auch noch viele Millionen deutschsprachige Hörer plus diejenigen, die bereit sind, solche Lieder zu hören, ohne sie zu verstehen (wir hören ja auch „Vamos a la playa!“). Alles gut soweit, und ein ehrwürdiger, hehrer Anspruch.

Ein Problem habe ich allerdings mit diesem Trend, und leider geht das genau in Richtung Qualität. Oft, finde ich nämlich, machen es sich die Künstler (gilt für Neueinsteiger genauso), die von englischen auf deutsche Texte umschwenken, zu leicht. Nur weil wir im Land von Goethe und Schiller leben, heißt das noch lange nicht, dass ein jeder zum Dichter und Denker geboren ist. Leider macht sich das in den Texten oft bemerkbar.

Aus irgendeinem Grund unterliegen die deutschen Texter oft einem Irrglauben: Dass sich ihre Zeilen reimen und besonders philosophisch klingen müssen. Das führt oft zu fehlender Sinnhaftigkeit und Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Musik, bei der sich mir der Gehörgang krankhaft aufwölbt. Die Texte altbekannter deutschsingender Bands sind da meiner Ansicht nach irgendwie noch durchdachter, auch wenn wir inhaltlich vielleicht nicht direkt wissen, was gemeint ist, wenn wir noch Interpretatsionsspielraum haben (dürfen). Aber etwas durchdenken zu müssen, das schadet auch dem deutschen Hirn-Ohr-Komplex nicht.

Die neuen Texte dagegen sind oft wie die Faust aufs Auge. Du bist weg, oh, ich bin so einsam. Was reimt sich auf „einsam“, hmm, vielleicht „zweisam“, prima. Das ist mir nicht genug. Texte über Liebe? Natürlich, das sind die meisten. Über Einsamkeit, Verdruss, Verbitterung? Auch kein Ding. Aber dann doch wenigstens mit ein bisschen Tiefgang. Und wenn es mit dem Reimen nicht so hinhaut: Auch nicht so schlimm. Wir sind Heldens Refrain von „Müssen nur wollen“ beispielsweise reimt sich überhaupt kein bisschen. Sind nämlich nur Wiederholungen. Ist trotzdem ein großartiges Lied mit Aussage.

Manchmal erscheint es mir eben schon besser, wenn der Schuster bei seinen Leisten bleibt, statt auf einen Trend aufzuspringen. Trend. Übrigens so ein Anglizismus, auf den es schwierig ist, zu verzichten.

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