Ö-ko Fröhliche…

Weihnachsbaumöko
Warum man mal darüber nachdenken sollte, wie ökologisch sinnvoll das christliche Fest ist…

Weihnachten ist eine Zeit des Innehaltens. Des Besinnens darauf, was im Leben wirklich wichtig ist. Theoretisch zumindest – praktisch ist es mittlerweile ein einziges Konsumfest geworden. Die Werte und Normen, auf die wir uns eigentlich besinnen sollten, geraten da ganz schnell mal in Vergessenheit. Zum Beispiel, dass wir nur diesen einen Planeten haben, der uns – auch wieder theoretisch jedenfalls – einmal von Jesu Papi gegeben wurde, dessen Geburt wir im Dezember zelebrieren (sollten).

Ich könnte jetzt das ganz große Fass des Klimawandels aufmachen. Aber dann würde ich mich früher oder später in Inkonsequenzen und erhobene Zeigefinger verstricken und das ist immer so eine Sache. Zumal wir an Weihnachten ja voller friedlicher Nächstenliebe sind sein sollen. Vielmehr geht es darum, mal darüber nachzudenken, ob wir an Weihnachten wirklich allem Schlechtschädlichen frönen sollten oder ob nicht kleine Veränderungen tatsächlich ein bisschen was Positives in die Welt bringen könnten. Durchleben wir also Weihnachten vor.

Es ist Heiligabend. Mit einem seligen Lächeln sind wir aufgewacht und schauen diesem wundervollen Tag entgegen. Unsere Weihnachtsgeschenke haben wir natürlich alle längst bestellt und sie sind uns – trotz diverser Streiks und mieser Bezahlung – ganz fein pünktlich nach Hause geliefert worden. Praktisch. Wenn man nicht an die Öko-Bilanz für’s Online-Shopping denkt. Es gibt meines Wissens nach noch keine gesicherten Vergleichsstudien darüber, was nun besser ist – ist auch schwierig, hängt ja von unheimlich vielen Faktoren ab. Nichtsdestotrotz ist es nur schwer vorstellbar, mit dem Online-Einkauf etwas besonders Tolles für die Umwelt geleistet zu haben. Das Menschliche kommt dazu: Nicht nur dass Amazon gerade mit seiner fragwürdigen Lohnpolitik Schlagzeilen macht, auch Hermes war immer mal wieder in den Medien vertreten, weil auch hier das Gehalt unter kritischen Grenzen lag. Abgesehen davon, dass Päckchen in der Weihnachtszeit auch sonntags zugestellt werden müssen, auch bei Minusgraden, auch in den 15. Stock und immer mit einem Lächeln trotz alberner Weihnachtsmannmütze auf dem Kopf. Aber das ist nochmal eine ganz andere Sache.

Jedenfalls sind wir aufgewacht und betrachten glücklich all die gelieferten Kartons, in denen sich die Geschenke für unsere Liebsten befinden. Der ökologische Gehalt einzelner Geschenke soll und kann hier nicht diskutiert werden. Was geschenkt wird, das muss man immer wieder selbst entscheiden dürfen – wenngleich es sicher immer eine Überlegung wert ist, ob man statt der Plastikwasserpistole doch vielleicht lieber eine Spende schenkt. Aber, wie gesagt, das muss wohl jeder selber wissen. Auch die Verpackungsmaterialien seien mal dahingestellt. Denn darauf haben wir als Verbraucher nur einen so geringen Einfluss, dass es zwar zum Verzweifeln ist, aber kaum zu ändern. Da braucht es (dringend) ein großes Umdenken der Wirtschaft, ob beispielsweise eine miniSD-Karte tatsächlich in gefühlten 2,5 kg Plastik eingepackt werden muss oder ob das nicht eventuell auch anders geht.

Dann aber, nachdem wir also all diese Gedanken mit dem Post-It ‚Inkonsequenz‘ verworfen haben, da kommt dann doch nochmal eine ökologische Entscheidung, die wir zu treffen haben: Wie packe ich mein Geschenk ein? Muss es wirklich dieses hübsche Hochglanzgeschenkpapier mit den süßen bunten Nikoläuschen sein? Oder tut es auch die letzte Sonntagszeitung, auf die die Nikoläuse selbst gemalt werden? Oder – wenn man es ein kleines bisschen ansprechender haben will – wie wäre es mal mit Geschenkpapier mit ‚Blauem Engel‘, das 100% abbaubar ist und die Umwelt auch in der Produktion so wenig wie möglich belastet? Oder mit wiederverwendbaren Kartons (Schmuck und Küchenleckereien gehen zum Beispiel sehr gut in Teekartons und Marmeladengläser)?
Nachdem wir also aufgestanden sind, gefrühstückt haben und unsere Geschenke total umweltfreundlich verpackt haben, machen wir uns langsam Gedanken darüber, was es eigentlich zu essen gibt. Da auch wir zu den Haushalten gehören, in denen noch eine ordentliche Weihnachtsgans verspeist wird – eine der 10 Million übrigens, die wir Deutschen zwischen November und Dezember verschlingen –, haben wir diese natürlich längst beim regionalen Bio-Metzger unseres Vertrauens bestellt, der sie aus der Region bekommen hat. Zumindest eine schöne Vorstellung, oder? Tatsächlich stammen die meisten in Deutschland verspeisten Gänse aus Polen und Ungarn und wurden fernab von Bio-Idyllen großgezogen gemästet. Mir ist schon klar, dass der Preisunterschied beträchtlich ist: Ungefähr vier Mal mehr kostet Fleisch mit Bio-Siegel. Aber: Es ist Weihnachten, es ist ein once-in-a-year-event, es ist was Besonderes. Und ist es wirklich so schlimm, an drei anderen Tagen im Jahr auf Fleisch zu verzichten? Könnte das eine glückliche Gans nicht Wert sein? Oder: Muss es an Weihnachten wirklich der Gänsebraten sein oder tut es auch eine feine Gemüse-Lasagne? Zumindest mal eine Überlegung wert, oder? Bioland veröffentlicht übrigens jährlich eine Liste von Höfen, die Gänse mit ihrem Bio-Siegel anbieten.

Selbiges gilt übrigens für alle, die am Weihnachtstag “kein Fleisch” essen. Für mich persönlich eine der lustigsten und schizophrensten Aussagen überhaupt, denn meist steckt dahinter: „Wir essen Fisch.“ Und wie wir alle wissen, wachsen Fische ja an Bäumen, haben nie gelebt und ihr Fang ist absolut unbedenklich… (<- Das war Ironie.) Ökologie und Meeresgetier ist immer so eine Sache: Sowohl Greenpeace als auch der WWF haben Einkaufsratgeber zum Thema herausgegeben, in denen man sich genau anschauen kann, welche Fische noch guten Gewissens essbar sind (kleine Vorwarnung: Viele sind es nicht!). Der an Weihnachten beliebteste Fisch, der Karpfen, steht allerdings bei beiden noch auf der grünen Liste. Aber auch hier geht es natürlich nur unter der Prämisse: Augen auf beim Fischkauf: Woher? Von wem? Welche Bedingungen?

Wir haben mittlerweile also die Gans geholt, die schmort im Ofen, Rotkohl und Klöße müssen noch nicht vorbereitet werden, das Essen ist also vorläufig geregelt. Der Tisch gedeckt. Fehlt nur noch eine Kleinigkeit: Legen wir doch jedem noch einen kleinen, süßen Weihnachtsmann auf den Teller. Also, einen von diesen niedlichen einzeln verpackten bunten Dingern, an denen der deutsche Einzelhandel jährlich knapp 100 Million Euro verdient. Und die alle in so hübsch bedruckte Alufolie eingepackt sind, die ökologisch gesehen… Muss ich es noch weiter ausführen? Ich denke, der Grundgedanke ist klar. Genauso schön wäre es doch, die Stiefel mit Nüssen oder zumindest mit Tafeln zu befüllen. Nicht mit einzeln verpackten Kugeln, Nikoläusen, Schneemännern oder Sternchen. Es gibt genug Leckeres zur Weihnachtszeit, das nicht einzeln verpackt ist. Sowohl im Laden als auch in der Produktion am heimischen Herd und Ofen. Da eröffnen sich doch eigentlich ganz neue Möglichkeiten. Und wenn wir schon mal dabei sind: Muss es wirklich immer die Schoki vom Discounter sein? Oder darf es auch mal ein Täfelchen sein, das mit einem Fairtrade-Siegel geschmückt ist und bei dem zumindest die Chancen einer fairen Produktionslinie größer sind?

Nachdem nun also alles mit einigermaßen ökologischem Gewissen geregelt ist, kommt Mutti heim und hat den Weihnachtsbaum dabei (das ist ein Text, in dem der Genderaspekt unauffällig mit eingebaut wird, daher holt hier Mutti den Baum). Den hat sie natürlich nach verzweifelter Suche mit Bio-Siegel gekauft. Die stressige Suche hätte sie sich eigentlich sparen können, da zum Beispiel Naturland oder Robin Wood eine Liste mit Biosiegel-Weihnachtsbäumen veröffentlichen. Die Weihnachtsbäume von dort kommen aus der Region, sind nicht mit Pestiziden vollgesprüht und kosten vermutlich ein Vielfaches. Aber: Bei 28 Million Weihnachtsbäumen in deutschen Wohnzimmern und dem once-in-a-year-event ist auch das doch eine Überlegung Wert, oder? Ganz konsequent dürfte man natürlich gar keinen abgesägten Baum kaufen und müsste entweder auf die (ohnehin eigentlich unsinnige) Tradition verzichten oder einen im Topf kaufen, der zumindest nach dem Weihnachtsstress eine Chance auf ein glückliches Leben in Freiheit hat.

Der Baum – einer von derzeit ca. 5% deutschen Öko-Weihnachtsbäumen – ist aufgestellt und erfüllt das Wohnzimmer mit grün-weihnachtlicher Pracht – im doppelten Sinne. Geschmückt wird er natürlich mit den Strohsternen und Holzfigürchen, die auch schon letztes Jahr dranhingen. Einige Glaskugeln gibt es natürlich auch. Plastik und neuer Weihnachtsbaumschmuck muss gar nicht sein. Findet die Wirtschaft vielleicht eine doofe Idee, die Umwelt dafür aber umso besser – wie so oft. Auf diese Weise werden kleine Engelchen von Generation zu Generation weitergegeben und wir leben glücklich und in Frieden mit der Umwelt. Ach, wäre es nicht so märchenhaft-utopisch.

Und nun die Lichtlein. Kerze oder Elektrik ist eine Grundsatzdabatte, sowohl vom Traditionalisten als auch vom Umweltaktivisten, die hier nicht beantwortet werden kann und soll. Aber: Es sollen rund 8,5 Milliarden Lämpchen sein, die das weihnachtliche Deutschland in die besinnlich-leuchtende Stimmung bringt. Zugegebenermaßen finde ich das ja auch wunderschön – in Maßen zumindest. Doch dass der Stromverbrauch in die Höhe schnellt, ist gut vorstellbar. Und da nur rund ein Fünftel des deutschen Stroms aus regenerativen Energiequellen stammt, dürfte den meisten klar sein, woher der Großteil kommt, der den Schwibbogen zum Strahlen (auch wieder im doppelten Sinne) lässt. Allein am ersten Weihnachtstag werden somit rund 120 Millionen Kilowattstunden Strom mehr verbraucht, als das sonst der Fall ist. Laut Zeit so viel wie ungefähr 34.000 Haushalte normalerweise über das ganze Jahr nutzen. Das muss man sich mal bildlich vorstellen und darüber nachdenken, wie viel Leuchtdeko wirklich nötig ist, um mich und all diejenigen, die an meinem Fenster vorbeilaufen, glücklich zu machen.

So, und nun ist es soweit. Die Gans wird gar, die Klöße brodeln, der Rotkohl duftet, der Baum ist festlich geschmückt, der Tisch gedeckt. Es klingelt. Die Gäste kommen. Und all denjenigen, die sich durch diesen weihnachtlich-schlechtgewissigen Artikel gearbeitet haben, wünsche ich ein schönes Weihnachtsfest mit dem ein oder anderen Denkanstoß unterm Baum!

 

Und für alle, die immer noch nicht genug haben, hier die Quellen und Links zum Weiterlesen:

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