Rat geben – Geld nehmen

Warum ich unsere Ratgeberkultur widerlich finde …

Ich bin verärgert. Es ist nicht so, dass ich den Autoren ihren Erfolg missgönne oder gar neide. Schließlich müssen wir bekanntlich alle von etwas leben. Was mich ärgert, ist der Umgang mit dem Leid von anderen. Altruistisches Abkassieren. Worum es geht? Um Rat-Geber.

Erkenntnis 1: Jemandem einen Rat zu geben, sich gegenseitig zu helfen, sich in schweren Zeiten zur Seite zu stehen und zu unterstützen, das sind alles menschliche Züge, die wahnsinnig toll sind. Die wir auch brauchen, weil wir sonst verkümmern wie jeder Kaktus in meinem Haushalt.

Erkenntnis 2: Es gibt Menschen, die können besseren Rat erteilen als andere. Manche Menschen sind klüger und weiser als andere. Manche haben mehr Lebenserfahrung. Manche hören aufmerksamer zu als andere. Manche können sich besser ausdrücken. All das macht uns zu kompetenteren Ratgebern. Vielleicht sogar zu besseren Freunden, aber das ist ein anderes Thema.

Erkenntnis 3: Es gibt Menschen, die kommen besser oder schlechter mit ihrem Leben klar. Folglich gibt es Menschen, die mehr Rat geben und Menschen, die mehr Rat benötigen. Nach dem Geben-und-nehmen-Prinzip ist das menschliche Sozialsystem hier mit Sicherheit nicht ausgeglichen. Allerdings glaube ich, dass da niemand so genau auf die Mini-Mini-Abweichung in Beziehungen achtet, solange das große Ganze in Balance ist.

Erkenntnis 4: Wir alle müssen für das Erfüllen von Bedürfnissen Geld zahlen, und das Geld dafür muss irgendwoher kommen. Um es zu bekommen, setzen wir unsere individuellen Fähigkeiten ein. Mehr oder weniger erfolgreich. Mit mehr oder weniger Ergebnis auf dem Konto.

 

So. Soweit alles klar? Dann folgen Sie nun bitte weiter meinen klugen, hilfreichen Gedanken. Jedoch bitte erst, nachdem Sie mir mindestens 1.500 Euro an untenstehende Kontoverbindung überwiesen haben.

 

Kleiner Scherz. Kontravers ist und bleibt leider kostenlos.

 

Worauf ich hinauswill: Wenn jemand Probleme hat und in einer Krise steckt, dringend den Rat eines anderen benötigt, dann ist es großartig, wenn er Hilfe und Unterstützung findet. Nun kann es aber sein, dass es die in seinem Freundeskreis nicht gibt, weil sie die Kompetenzen desselben einfach übersteigt. Umso großartiger, wenn er in unserer globalisierten, vernetzten Welt dennoch Ankerpunkte findet. In Form von Literatur, Hörbüchern, bestärkenden Internetseiten, Foren, Gruppen. Alles wunderbar.

Nicht mehr ganz so wunderbar finde ich allerdings die Monetarisierung hinter dem ganzen System „Ratgeber“. Ich spreche hier nicht von 10 Euro für ein Taschenbuch zur Rauch-Entwöhnung. Geschenkt. Ich spreche von den Workshops, die sich ohne Ende im Internet finden lassen, und für die wirklich, wirklich viel Geld verlangt wird.

Ja, ich honoriere, dass Menschen ihre Geschichte weitererzählen und sich viel Mühe damit geben, sie zusammenzutragen, zu überlegen, wie sie anderen helfen kann, Übungen erstellen etc., aber in Maßen. Ich finde es nicht in Ordnung, für einen (Online-)Workshop 500 Euro zu nehmen, Extra-Kosten für den Austausch mit anderen „Teilnehmern“ noch nicht berechnet, wenn jemand in einer Krise steckt, Hilfe und Beistand sucht. Nicht vor dem Gesichtspunkt, dass es sich um eine menschliche und soziale Selbstverständlichkeit handeln sollte, füreinander da zu sein. Wo wären wir heute, wenn die Weitergabe von Wissen einer exklusiven Anzahl von Menschen vorbehalten worden wäre? Wenn medizinische Maßnahmen nur denjenigen zuteil würden, deren Portemonnaies prall gefüllt sind*?

Dasselbe gilt übrigens für diese ganzen Rat- und Astro-Hotlines. Früher habe ich mich darüber lustig gemacht, was für Verzweifelte da anrufen und ein Heidengeld pro Minute oder pro Anruf zahlen. Denken wir etwas weiter, ist es nicht witzig. Da sind Menschen so verzweifelt, dass sie ihr Geld in eine Nummer investieren, die ihnen Hoffnung und Hilfe verspricht. Dieses Versprechen wird teilweise mit flapsigen Sprüchen, mit Respektlosigkeit und mit mangelnder Kompetenz nicht mal eingelöst. Aber der Rubel, der rollt.

Gerade wenn es darum geht, jemandem aus seinem Suchtverhalten, seiner Depression oder seiner Trauer herauszuhelfen, ist es meiner Meinung nach ziemlich eklig, erstmal das Sparschweinchen hinzuhalten. Es kann nicht sein, dass Betroffene Unsummen investieren müssen, um eine Chance auf ein ansatzweise normales Leben zu erhalten. Hat diese Chance nicht vielmehr jeder verdient als nur diejenigen, die es sich leisten können? Unterstützen wir mit einer solchen Ratgeberkultur nicht die Einstellung, dass nur diejenigen ein gutes Leben verdient haben, die es sich leisten können und wollen? Was sagt das dann über die Rat Gebenden aus?

 

Es gibt übrigens seit vielen, vielen Jahren die kostenlose Nummer gegen Kummer, inzwischen mit vielen Spezialisierungen (Kinder, Sucht, Gewalt,…).

 

*Ja, mir ist bewusst, dass das teilweise der Fall ist, aber vom deutschen Gesundheitssystem ausgehend, bin ich überzeugt davon, dass niemand an einem leeren Geldbeutel sterben muss.

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