Shame on … nobody!

Warum das Konzept „Scham“ überholt sein sollte …

Sich schämen. So richtig. Voll peinlich. Schamesröte. Im Boden versinken wollen. Hoffen, dass es niemand bemerkt hat. Scham kennen wir alle. Ich behaupte sogar: ausnahmslos. Wir alle sind mehr oder weniger oft in Situationen geraten, die uns entglitten sind, die nicht wie geplant liefen und in denen wir etwas gemacht haben, das eventuell nicht die beste Idee ever war.

Es gibt da ja unterschiedliche Wirkungsgrade: Wir können uns dafür schämen, die Menschen in Afrika zu wenig zu unterstützen und sogar Melonen kaufen, deren Erntebedingungen wir nur erahnen können und im Zweifelsfall nicht mal wollen. Oder wir nehmen eben doch die Tüte im Supermarkt mit, obwohl wir wissen, dass Quallen daran sterben. Vielleicht spucken wir auch mal ein Kaugummi auf die Straße. Das ist gesamtgesellschaftliche Scham. Wir wissen, dass wir etwas tun, worunter andere leiden, die wir aber nicht kennen, sodass sie zu einer abstrakten Masse werden. In der Regel ist das ein Gefühl der Scham, das wir gar nicht so sehr wahrnehmen und beachten – oder gut verdrängen. Irgendwie erscheint uns all das in Maßen vertretbar.

Dann gibt es noch die private Scham: Ich spanne meiner besten Freundin den Freund aus, ihr geht es mies, ich fühle mich spätestens dann auch beschissen. Blöd gelaufen. Jahre später, nachdem ich bemerkt habe, was für ein Vollidiot er ist und was für eine fantastische Freundin sie war, folgt dann meistens die Reue. Ich schäme mich einfach unglaublich für das, was ich getan habe, und dafür, wie dumm ich habe sein können.

Und, Nummer Drei, die Scham, die mir ganz alleine widerfährt. Ich kippe mir mein gesamtes Essen vor versammelter Mannschaft auf meine Klamotten. Peinlich. Hat aber nur für mich Konsequenzen: Ich werde den ganzen Tag schmutzig rumlaufen müssen und folglich zur Lachnummer.

Egal um welche Art von Scham es sich handelt: Ich finde das Gefühl irgendwie deplatziert. Beziehungsweise, dass wir mit dem Gefühl nicht produktiv umgehen. Scham soll uns ja sagen, dass wir etwas nicht gut machen. Dass wir in irgendeiner Form gegen unsere eigenen oder gesellschaftliche Moralvorstellungen agieren. Das ist auch in Ordnung. Aber dann sollten wir auch Konsequenzen daraus ziehen, sonst verläuft das Gefühl effektlos im Nichts. Dazu sind Gefühle aber nicht da. Also hören wir entweder auf, uns zu schämen und stehen mit stolzgeschwellter Brust zu unseren Entscheidungen, unserem Verhalten und unserem Ungeschick, oder aber wir tun eben genau die Sachen nicht mehr, die zu Scham führen.

Das heißt, wir kaufen die Tüte eben nicht mehr und tragen das regional angebaute Obst stattdessen im Jutebeutel nach Hause. Das heißt, wir überlegen uns vorher, ob wir den Typen wirklich haben müssen und ob das das Ende der Freundschaft wert ist. Das heißt, wir lachen herzlich mit, wenn wir uns bekleckern und grinsen die Leute an, die auf unsere schmutzige Hose zeigen. Vielleicht machen wir sogar eine Anekdote draus. Wie auch immer, wir sollten nicht mehr in dieser ungesunden und unproduktiven Schamstarre verharren. Damit machen wir es uns beschämend einfach.

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