Stop foodshaming!

Warum es wichtig ist, auf dem eigenen Teller zu bleiben…

Es ist kein Geheimnis, dass wir in einer wertenden, korrigierenden und auf Äußerlichkeiten fixierten Gesellschaft leben. Da ist Bodyshaming ein großes Thema. Viele Menschen leiden unter utopischen Schönheitsidealen – entweder durch direkte Kommentare anderer Personen oder durch Werbung, TV-Shows und nicht zuletzt medialer Darstellung gephotoshopter Körper.

Opfer von Bodyshaming können alle werden, die nicht der – vermeintlichen! – körperlichen Idealvorstellung ihrer Mitmenschen oder der Werbeindustrie entsprechen, und damit eine gestörte Selbstwahrnehmung entwickeln. Es betrifft also gar nicht nur die Frauen, die plötzlich feststellen, dicker zu sein als „das Mädchen auf dem Werbeplakat“ (wie verwunderlich in Photoshop-Zeiten!), sondern alle, die sich deswegen schlecht und weniger wertvoll fühlen. Auch solche, die an sich dieselbe Figur haben wie die Frau in der Werbung oder gar noch dünner sind. Skinny- und Fatshaming sind zwei gleichermaßen ernstzunehmende Probleme, beide auf ihre eigene Weise gesellschaftlich etabliert und gleich scheiße.
Denn all die Scham sagt den Betroffenen immer wieder: Du bist nicht okay, so wie du bist. Das fängt beim Körperlichen an, geht dann aber dazu, dass sie sich generell nicht mehr akzeptieren können.
Mir ist jedoch noch eine andere Verhaltensweise aufgefallen, die einen ähnlichen Effekt haben könnte wie das Bodyshaming. Ich spreche von Kommentaren oder auch nur wertenden Blicken, die sich auf die Inhaltsstoffe, Zusammensetzung oder Menge öffentlich verzehrten Essens anderer Menschen beziehen. Dies kann ein Anzweifeln der Nährstoffhaltigkeit sein, ein Hinweis auf ungesunde Zusatzstoffe, oder eine kritische Anmerkung, wie voll der Teller und wie (unangemessen?) groß die Portion doch sei.
Nun ist es schon lange etabliert und auch naheliegend, im Kontext des gemeinsamen Essens auch über eben jenes zu reden. Was ist also das Problem daran?
Es geht hier nicht um Fragen der persönlichen Vorlieben oder des Geschmacks des eigenen Essens. Vielmehr scheint es, als dürfe Essen oder Essverhalten kaum noch unbewertet bleiben. Und zwar individuell und unabhängig davon, was mensch isst oder eben nicht. Es wird also nicht nur über Qualität und Quantität im Allgemeinen gesprochen, sondern auch – und das ist das Problem – darüber, wie das zum Essenden passt und passen darf.
Kauft sich eine schlanke, sportliche Frau einen Ben&Jerry’s-Eimer am Sonntagskiosk, bekommt sie ein: „Na, da will aber jemand ausnahmsweise mal reinhauen!“ vom Kioskbesitzer zu hören. Isst eine beleibte Frau beim Familienessen eine weitere Nachtischportion, wird kommentiert: „Bist du sicher, dass du die zweite noch essen willst?“ oder subtiler und bösartig: „So viel würde ich aber nicht schaffen!“ Geht man vegetarischer oder gar veganer Ernährung nach, kommen Kommentare zur Kompliziertheit, zu Ethik und Moral, zu Mangelerscheinungen,… An Genuss ist bei alldem schon lange nicht mehr zu denken.
Einen besonders unangenehmen Effekt haben diese Kommentare, wenn sie auf ein Ungleichgewicht zwischen Körper und Nahrungszufuhr anderer rückschließen. Dabei wächst aus einer Mischung von Food- und Bodyshaming eine Art doppelte Wertungsstruktur heran, wenn impliziert wird, dass die Lebensmittel, die mensch auf welche Art auch immer zu sich nimmt, nicht mit dessen Erscheinungsbild d’accord gehen (dürfen). So werden Menschen entweder in die Rolle gedrängt, sich für ihre Essensauswahl rechtfertigen zu müssen, oder noch schlimmer: für ihr äußerliches Erscheinungsbild.
Wenn beispielsweise eine untergewichtige, junge Frau in einem öffentlichen Café genussvoll ein Stück Sahnetorte isst, spürt sie vermutlich schnell die Blicke mehrerer misstrauischer Cafébesucherinnen in ihrem Rücken. Diese scheinen den Körper der jungen Frau laserartig mit ihren Augen abzutasten und in ihren Köpfen formen sich Fragen, wie das denn sein kann, das „so ein Klappergestell“ ein derartiges Tortenstück essen kann, die dann verhängnisvoll in der Café-Luft schweben. Währenddessen ist der jungen Dame, die entweder vor Kurzem aus ihrer stationären Behandlung wegen Magersucht zurückgekehrt ist und die sich ohnehin unwohl fühlt in ihrem Körper oder schlichtweg einen fantastischen Stoffwechsel hat, wahrscheinlich längst der Appetit an ihrem Kuchenstück vergangen.
Ein weiteres Argument gegen Essenskommentare ergibt sich aus dem Fehler, Wahrnehmung und Wertung miteinander zu vermischen. Natürlich ordnet mensch sofort alles ein – dazu neigen wir, um verstehen zu können. Aber gerade in Anbetracht der Vielfalt an Esskulturen und Körperformen sind direkte Rückschlüsse von einer feststellenden auf eine wertende Ebene schwierig und vollkommen sinnlos: Verschiedene Körper verarbeiten verschiedene Lebensmittel nun mal unterschiedlich. Menschen essen, je nach Kultur und Vorliebe, unterschiedliche Dinge zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten auf unterschiedliche Weisen. Wenn einige Menschen ihren Essprozess im öffentlichen Raum austragen, ist das kein Freifahrtsschein für Fremde, die eigentlich sehr private Angelegenheit des Essverhaltens zu kommentieren. Das Verhältnis zwischen dem, was sich Menschen zuführen und der Körperform, die sie aufweisen, sollte kein Gegenstand öffentlicher Diskussionskultur sein.
Genauso wie Körper kein öffentliches Gut sind, nur weil wir uns mit ihnen im öffentlichen Raum bewegen, ist auch die Nahrungszufuhr nicht zur Bewertung durch andere freigegeben, nur weil sie gesellschaftlich vonstatten geht.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Es spricht nichts dagegen, gemeinsam zu essen. Es spricht nichts dagegen, über persönliche Essensvorlieben zu reden, es spricht auch nichts dagegen, die einzelnen Bestandteile einer Mahlzeit sachlich festzuhalten. Auch Wertungen à la „lecker“ oder „schmeckt nicht“ finde ich absolut akzeptabel.
Ich appelliere lediglich an eine Trennung zwischen reinen Essensbewertungen und Körperbewertungen im Zusammenhang mit Essen.
Oder anders gesagt: Wenn eine untergewichtige Person in einem Café genussvoll ein Stück Sahnetorte isst, dann isst sie genussvoll ein Stück Sahnetorte. Wenn ein übergewichtiger Mensch sich beim Firmenessen einen Salat bestellt, dann bestellt er sich einen Salat. Nur weil Essen, kulturell bedingt, in vielen Kontexten einen sozialen Aspekt besitzt und gemeinsam begangen wird, ist nicht das Essverhalten einzelner automatisch öffentliches Gut und zur gesellschaftlichen Bewertung freigestellt.
Oder als einfache Faustregel zusammengefasst: Bleib auf deinem eigenen Teller. Steigert erfahrungsgemäß auch das Genusspotenzial der eigenen Portion!

Vielen Dank an Meike G. für diesen Gastbeitrag!

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