Supi, Helden!

Warum Helden scheinbar nicht mehr genug sind …

„I Need A Hero“. Bonnie Tyler wartet auf ihren Helden. Und der muss gleich „larger than life“ sein, stark und männlich und kampfeserfahren. Am liebsten wäre ihr ein echter „Superman“. Auf den will sie warten, die ganze Nacht lang, bis zum Morgengrauen. Vermutlich sitzt sie heute noch da. Die Helden sind rar geworden. Oder?

Was ist denn eigentlich ein Held? Früher waren das die starken, männlichen, kampfeserfahrenen Viertel-, Halb- oder Voll-Götter, die die Menschheit stets beschützten, mit irgendwelchen Zaubern, Flüchen, Zeichen. Unerschrocken, kühn, mythenumwoben, vielleicht sogar legendär, bewundernswert. Da war immer jemand an unserer Seite, der sich um dieses, unsere schwache Menschengeschlecht kümmerte. Auf uns aufpasste.

Helden allein reichten uns aber scheinbar irgendwann auch nicht mehr so richtig. Oder waren die einfach weg, und die Heldenlosigkeit nahm ihren traurigen Einzug? Jedenfalls gab es dann die großartigen Schöpfer: Marvel und DC. Auf zu Superhelden (ich warte übrigens auf die Megahelden). Starke, männliche, kampfeserfahrene Typen, die zusätzlich noch irgendeine superererere Eigenschaft aufweisen, die uns Normalos bisher evolutionär verwehrt geblieben ist. Auch die kämpfen für uns arme poplige Menschen. Allein oder sogar im Team. Und danach haben wir die Möglichkeit, ihnen für die Rettung unseres Planeten – große Ebene – und des eigenen Lebens – kleine Ebene – zuzujubeln. Sie zu bewundern, das Wunder zu honorieren.

Ein bisschen armselig ist das rein gedanklich schon, oder? Trotzdem boomen Superheldenserien und -filme, stürzen wir uns regelmäßig in fremde Welten, in denen wir gerettet werden. Was steckt denn um Heldenwillen dahinter? Sind wir nicht mehr in der Lage, auf uns selbst aufzupassen? Nicht mehr willens, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, um mal im sprachlich-heldenhaften Pathos zu bleiben?

Ich glaube, dass diese Heldenfaszination ganz viel mit gesellschaftlicher Unsicherheit zu tun hat. Klar können wir sagen, das ist einfach Spaß und gute Unterhaltung – will ich auch überhaupt nicht abstreiten, ich mag Superhelden auch sehr gerne. Die tragen sexy Outfits, die sind für mich da, haben meist einen locker-lustigen Spruch auf den Lippen und sind generell einfach viel cooler als alle anderen, inklusive mir selbst. Dennoch glaube ich, dass da eine ganz interessante Realitätsflucht drinsteckt: Der Wunsch, nicht mehr selbst Held sein zu müssen.

Die Erwartungen, die heutzutage auf jedem von uns liegen, sind unser schwächendes Kryptonit. Wir sollen in so vielem Helden sein: Den Alltag meistern, tolle Karrieren hinlegen, die perfekt funktionierende Familie erschaffen und natürlich 1A aussehen. Das ist schon eine ganz schöne Last für jeden Einzelnen. Es erscheint mir irgendwie fast logisch, dass daraus der Wunsch entsteht, ein bisschen Verantwortung abzugeben. Zu wissen, da ist jemand, der regelt das schon. Das ist natürlich illusorisch, aber doch ein schöner Gedanke.

Mit unseren Alltagshelden funktioniert das eben immer weniger. Wir wachen selten auf und denken: Mensch, super, heute ist alles geregelt, Angie macht das schon. Im Gegenteil: Gerade was Politik angeht, entsteht ja derzeit eine immer größere Verunsicherung. Da kommen Flüchtlinge, die Gewohntes verändern, da werden Entscheidungen getroffen, auf die wir null Einfluss haben, da kommt es zu Widersprüchen, Skandalen, Korruption. Die Medien machen es nicht besser: Was stimmt eigentlich noch, was läuft unter der Hand, ohne dass wir es erfahren, was ist Fake, was echt?

Also wünschen wir uns jemanden, der einfach da ist. Der sich kümmert, uns über den Kopf streichelt und sagt, dass am Ende alles gut wird. Der unser Held ist, weil wir uns auf ihn verlassen können. Superhelden haben dabei natürlich noch einen Vorteil: Sie entbinden uns noch weiter der Verantwortung. Die kümmern sich, weil sie es können. Sie haben uns gegenüber einfach einen (körperlichen) Vorsprung, über den wir eben nicht verfügen und folglich auch keine Helden sein können. Schade. Aber einfach. Von daher hat Miss Tyler schon Recht: „I need a hero.“ – aber ob das Warten über Nacht ausreicht, dessen bin ich mir nicht ganz so sicher.

 

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