The Garden State

Warum überpflegte Gärten für mich ein Zeichen des Spießertums sind…

Es gibt sie akkurat gepflegt. Es gibt sie wild. Es gibt sie exakt unterteilt. Es gibt sie ohne erkennbare Struktur. Es gibt sie mit allerlei Accessoires. Es gibt sie natürlich, ohne Klimbim. Ich rede nicht von Herrenbärten. Ich rede von deutschen (Vor-)Gärten. Ganz egal, wie sie aussehen: Sie verraten immer so viel über ihre Gärtner.

Schon mal über das Wort „Unkraut“ nachgedacht? Kommt aus dem Mittelhochdeutschen und war als Gegenteil von „Kraut“ gemeint, das damals als Nutzpflanze verstanden wurde. Unkraut ist folglich all das, was unnütz ist. Oder als unnütz gilt. Also müsste jeder Rosenstrauch als Unkraut verstanden werden und gehörte im deutschen Spießervorgarten sofortigst vernichtet.
„Ich hab mal das Unkraut in der Einfahrt weggemacht.“, erzählt ebendieser deutsche Spießergärtner am Sonntagnachmittag mit vor Stolz geschwellter Brust. Und ich denke nur: „Schade.“ Ich mag die kleinen bunten Blümchen, die sich durch die Pflastersteinritzen quälen und uns jedes Mal vor Augen führen, dass wir definitiv nicht die Herren über die Natur sind. Ich mag diese kleine subtile Rache der Natur.
Ebenso übrigens diejenigen Gärten, in denen alles wild wuchert, es keinen klar erkennbaren Pfad gibt, keine Gartenzwerge, die mich hinterlistig beobachten, in denen es brummt und summt, und kein Pool die Natur verschandelt. Ich mag es, wenn wir bei all unserem geordneten Alltag das nicht auch noch ordnen müssen. Wenn wir nicht frühmorgens unsere Nachbarn mit dem Rasenmäher quälen. Wenn wir die Samen einfach mal verstreuen oder die Natur ganz einfach machen lassen, was sie für richtig hält. Warum? Weil es genug Dinge gibt, die der Mensch kontrolliert. Oder meint, kontrollieren zu müssen und zu können.
Bei all den bis ins Kleinste gepflegten Gärten, den akkurat gestutzten Hecken, der millimetergenauen Einteilung der bitteschön nützlich bepflanzten Beete kann ich mir so genau die Menschen dahinter vorstellen. All der alltägliche Kontrollzwang. All die Langeweile des Alltags. All die „Was könnten die Nachbarn denken?“-Mentalität. All die Unfähigkeit, sich mit etwas Sinnvollerem oder Wohltuenderem zu beschäftigen als Gartenarbeit, die Mutter Natur doch für uns erledigen könnte.
Es gibt natürlich auch diejenigen Gärten, die nicht mehr nutzbar sind. Die voller Müll liegen oder so voller Brennnesseln sind, dass kein schmerzfreies Durchkommen mehr möglich ist. Von diesen nicht nutzbaren Extremen rede ich nicht. Ich hab auch überhaupt nichts gegen einen gepflegten Garten, den ich genießen kann, wenn ich nach getaner Arbeit heimkomme. Oder auch einfach so. In dem ich mich gerne mit Freunden treffe oder meine Seele baumeln lasse.
Was sich mir nicht erschließt, ist, warum ich mich damit quälen sollte, exakte Planquadrate zu erstellen, statt einfach Samen auf die Erde zu werfen. Warum ich den Rasen mit einer Nagelschere stutzen muss, statt den Mähroboter oder gar die Sense zu benutzen (gut fürs Klima und die Stromrechnung übrigens). Warum ich nicht einfach mal einen Teil des Gartens der Natur überlasse. Warum ich immer alles kontrollieren und vermeintlich perfektionieren muss. Das ist schade drum. Finde ich.

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