Toll-Wut

Warum Sozialneid zum gesellschaftlichen Problem werden kann …

„Mein Haus, mein Auto, mein Boot“. Wir Menschen sind stolz auf unseren Besitz. Und weil wir auch den Wettkampf miteinander lieben, ist der am besten größer, schneller und schöner als der aller anderen. Wir haben ganz alleine das größte Mammut erlegt und sorgen so für den Fortbestand unserer Rasse. Gegenseitiges Freuen fällt uns dagegen eher schwer.
Wenn das Auto meines Nachbarn nämlich viel tollerer ist als meins, dann könnte ich sagen: Mensch, Gunnar, toll gemacht, dafür hast du bestimmt hart gearbeitet – und das im besten Fall sogar so meinen. Stattdessen aber schweigen wir in aller Regel, machen gute Mine zum bösen Spiel, während es in uns gärt und brodelt.
Sozialneid bedeutet, wir sind nicht nur neidisch auf den materiellen (oder menschlich-tierischen) Besitz unseres vermeintlichen Kontrahenten, sondern darüber hinaus noch auf dessen sozialen Status. Wir fühlen uns in irgendeiner Weise benachteiligt und ungerecht behandelt. In einem doch eigentlich auf Soziales, auf Gerechtigkeit ausgelegten System. Dass das System dabei nicht verantwortlich zu machen ist für unser persönliches Wohlbefinden, das übersehen wir dann doch ganz gerne. Ist ja einfacher, als uns selbst die Schuld geben zu müssen.
Es darf ja nicht sein, dass der Herr Müller mehr verdient als wir, um sich einen Pool leisten zu können. Der kommt doch immer viel früher von der Arbeit. Und der erzählt immer, dass sein Chef so nett ist. Bestimmt kriecht der dem in den Poppes. Verdienen jedenfalls kann er das auf gar keinen Fall, die faule Sau. Wir hätten das viel eher verdient. Schließlich haben wir es viel schwerer.
Bekanntermaßen ist das Gras auf der anderen Seite immer wesentlich grüner. Es kommt aber auch darauf an, was wir daraus machen.
Die Beurteilung darüber, ob jemand anders etwas „mehr“ verdient als wir, die können wir normalerweise überhaupt nicht treffen. Dazu fehlen uns zig Informationen. Zudem übersehen wir im Sozialneidmodus auch gerne mal die schlechten Aspekte: Dass Gunnar zwar beispielsweise früher von der Arbeit kommt als wir, aber dafür auch wesentlich früher losfährt. Wir sind nicht nur gut darin, Situationen schönzureden. Wir können auch wunderbar schlechtreden. Fakten auszublenden, ist ein wichtiger Teil des Sozialneids.
Das betrifft übrigens alle Teile und alle Schichten unserer Gesellschaft. Der Hartz IV-Empfänger ist neidisch auf die Bausparzulagen, die nur dem Mittelständler zustehen. Dieser wiederum ist sowohl neidisch auf dessen unverdiente Sozialleistungen als auch die unangemessen niedrigen Steuerabgaben der Superreichen. Die Superreichen sind neidisch auf das einfache Volk, dem alles in den Popo gepustet wird, während sie sich in ihrer 168-Stunden-Woche abrackern bis zum Burnout, nur um sich die Yacht leisten zu können, die garantiert kleiner ist als die vom superreichen Typ 2.
Natürlich tun wir uns mit diesem Denken nicht gut. Es ist hochgradig selbstschädigend, weil wir so niemals zufrieden werden mit dem, was wir haben. Obwohl uns das eigentlich vollkommen reicht, wenn wir mal ganz ehrlich sind. Reicht es tatsächlich nicht und wir leiden unter unserem „zu wenig“, dann ist es aber an uns, das zu ändern, statt uns mit anderen zu vergleichen, was zu gar nichts führt. Meckern aber ist viel einfacher.
Abgesehen von der Selbstschädigung aber hat Sozialneid noch einen ganz anderen, brisanteren Nachteil: Er kann sich auch gesellschaftsschädigend auswirken. Das passiert, wenn sich nicht nur Individuen in ihrem Status benachteiligt fühlen, sondern ganze Gruppen. Und im Prinzip ist es das, was nun mit den Flüchtlingen passiert. Da fühlen sich plötzlich die Hartz IV-Empfänger im Großen und Ganzen benachteiligt, weil „die“ mehr bekommen als „sie“. Die Mittelständler fühlen sich benachteiligt, weil „sie“ für „die“ mitbezahlen sollen, obwohl „sie“ doch selbst keinerlei Sozialleistungen beziehen. Und die Superreichen sollen sich plötzlich in „ihrem“ Wohnraum einschränken, weil „die“ Platz bekommen. Auch hier werden natürlich Fakten übersehen, weil das das Denken verkomplizieren würde und zum Zwang, etwas selbstständig zu ändern.
Wenn es aber zu solch einer Gruppenunzufriedenheit kommt und eine Unterteilung in „Wir“ und „die anderen“ stattfindet, dann führt das zu mächtigen Spannungen. Zu Vorurteilen, zu mangelnder Toleranz, zu Skepsis und Feindseligkeit gegenüber der jeweils anderen Gruppe.
Und dabei übersehen wir dann mal ganz geflissentlich, was das Soziale an uns doch eigentlich ausmacht: Wir sind alle Menschen.

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