Tugend Haft

Der Deutsche. Pünktlich, ordentlich, fleißig, diszipliniert, zuverlässig, ordentlich. So sieht uns die Welt – mal bewundernd, mal genervt, mal mit Belustigung –, aber so sehen wir uns auch gerne selbst. Verstrickt in gesellschaftliche Ansprüche, fällt uns der tugendgesteuerte Selbstoptimierungstrieb dann gar nicht mehr auf. Ob wir uns damit gut tun?

Entspannt jedenfalls ist was anderes. Wir hetzen uns ab, denn der Deutsche hat Termindruck. Schließlich müssen (zu eng gesetzte) Fristen unbedingt zuverlässig, ordentlich und vor allem pünktlich eingehalten werden. Schummeln gilt nicht (es sei denn, wir sind in der Politik, aber auch da bitte nur unter der Hand). Pausen gönnen wir uns nicht. Siesta? Pff, bitte, das hat der Deutsche jawohl nicht nötig!

Das Ganze natürlich auch im Privaten: 10 Minuten zu spät? Du Unhold! Du respektloses Stück! Dann geh ich. Länger als 15 Minuten warten wir nicht. Dasselbe gilt natürlich nicht nur für Verabredungen, sondern ebenso für Züge. Die blechernen Bastarde, die sich aus purer Böswilligkeit verspäten. Aufschrei! Wie kann man uns so behandeln? Wo ist mein Blutdrucksenker, ich muss mich aufregen.

Und dann bekommen wir Besuch. Stellen wir uns mal vor, wir hätten vorher nicht die Wohnung auf Hochglanz gebracht. Wie peinlich! Oder wir werden ins Krankenhaus eingeliefert mit dreckigen Socken. Nein, nein, nein, Ordnung ist das halbe Leben. Und schließlich wissen wir ja alle: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Spaß ist ohnehin nur was für Schwächlinge.

Ich plädiere hiermit nicht für eine Spaßgesellschaft, in der jeder macht, wonach ihm der Sinn steht. Aber ich glaube schon, dass dem Deutschen ein bisschen mediterrane Entspanntheit hin und wieder ganz gut täte. So für den inneren Frieden. Gegen Betablocker und Stresssymptome. Wir machen uns so oft so viel so unnötigen Stress. Statt einfach mal zu sagen: Hey, ist, wie es ist, die Welt bleibt stehen, selbst wenn ich etwas einen Tag „zu spät“ abgebe.

Denn: Was ist denn „zu spät“? Denken wir nur an die Amerikaner, die eine Verspätung bei Verabredungen nicht kommentieren mit „too late“, sondern mit „late“. Du bist spät dran. Ganz anders als zu spät. Deren Wirtschaft und Privatleben ist zumindest deswegen auch noch nicht vor die Hunde gegangen.

Wir aber halten uns sklavisch an den Gedanken, was die anderen denn von uns denken können, statt bei sich selbst anzufangen. Was denke ich als Krankenpfleger denn wirklich, wenn jemand mit dreckigen Socken kommt (in Maßen, alles in Maßen!)? Verurteile ich direkt oder hinterfrage ich auch mal die Hintergründe und Umstände? Ist Zuspätkommen wirklich Ausdruck von Respektlosigkeit oder hat mein Gegenüber einfach ein mieseres Zeitmanagement als ich? Und kann ich das nicht zu meinen Gunsten nutzen, wenn ich das weiß?

Ich bin also für die Einführung einer neuen deutschen Entstressungstugend: The German Entstressung. Entspannt euch mal, ihr deutschen Kartoffeln.

 

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