United States of Absurdica – Teil 2 – Drug-Store, Drug-Life

„I swear you’re just like a pill – ‘stead of makin’ me better, you keep makin’ me ill“ (Pink – You’re Just Like A Pill)

„Supermarkt? Nee, sowas gibt’s hier nicht, aber eine Pharmacy ist die Straße runter!“ Okay. Und was soll ich mit einer Apotheke, wenn ich Lebensmittel haben will? Ganz einfach, reingehen und kaufen. Denn eine Pharmacy ist in den USA längst nicht mehr das, was der stupide Germane (ich in dem Fall) darunter versteht.

Und so lernte ich die Pharmacies durchaus zu schätzen, in denen ich mich nicht nur mit Pflastern aus dem Regal eindecken konnte, sondern ebenso mit Cola, Schokolade, Chips und Joghurt – man will ja schließlich auch wissen, wovon man krank geworden ist und wofür man dann die bunten Pillen aus dem Regal dann braucht.

Was Medikamente angeht, haben die USA meine Erwartungen an ihre Absurdität deutlich übertroffen. Da war beispielsweise diese riesige Auswahl frei verkäuflicher Arzneimittel, gegen die das Kontaktlinsenregal von dm und Rossmann hierzulande mal überhaupt nicht anstinken kann. Zum anderen aber auch die Selbstverständlichkeit des Konsums derselben.

Beklagst du dich über Kopfschmerzen, bekommst du sofort eine Tablette angeboten. Das kann hier im Zweifelsfall aber noch genauso passieren. Wirklich erschreckend fand ich die Menge der damit verbundenen Werbung. In JEDEM Werbeblock im Fernsehen gab es die unterschiedlichsten Spots für die unterschiedlichsten Medikamente gegen die unterschiedlichsten Krankheiten und Volksleiden. Und in meinen hochgeschätzten Pharmacies, die nicht nur an jeder Ecke in Klein, Groß oder Mittel verfügbar waren, gab es zudem vielfach „Drive-Thrus“. Lasst euch das bitte auf der Zunge zergehen. „Ein Mal Viagra to go, bitte, wir haben es eilig.“?!

Dass man über das hiesige Apothekensystem mit seinen mehr oder minder einheitlichen und hohen Marktpreisen und der schweren Marktdurchdringung mit Sicherheit diskutieren kann, das lasse ich gelten. Was mir aber durch diesen offenkundig doch ganz schön sorglosen Umgang mit jeglichen Pimp- und Feel-Good-Medikamenten erstmals bewusst geworden ist: Das ist eine ungesunde, vielleicht schon verantwortungslose Naivität, die der Amerikaner hier an den Tag legt. Verallgemeinerung, schon klar, aber es geht ja darum, dass sich über solche Läden und deren Erfolg durchaus eine Aussage über die Mentalität treffen lässt.

Im Wissen, für bestimmte Medikamente in die Apotheke zu müssen beziehungsweise zum Arzt (das gibt es in den USA selbstverständlich auch, dann endet die Werbung mit dem amerikanischen „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“), entstehen meiner Meinung nach auch Grenzen in unserem Kopf: Die Grenzen der Verfügbarkeit machen auch die Ernsthaftigkeit des Produkts deutlich. Hoffentlich jedenfalls. Auch die Quantität von Arzneimittelwerbung ist hierzulande einfach wirklich eine absolut deutlich andere.

Dass dem Klischee-Amerikaner seine Gesundheit dabei keineswegs egal ist, das dürfte ebenso bekannt sein. Nicht umsonst boomen die Gyms, die Protein-Pulver (Wahnsinn, was für eine Auswahl!), die Abnehm-Tipps und Personal Trainer-Branche. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, der Klischee-Amerikaner, nennen wir ihn Body Bill, habe ein wesentlich aufmerksameres, bewussteres Verhältnis zu seinem Körper als Manfred Mustermann.

Gesundheitstrends, (verkorkste) Ernährungsmythen, Fitti-DVDs, Abnehmprodukte, der Ab Pro aus dem Home Shopping-Kanal – nicht umsonst weitgehend amerikanische Erfindungen. Aber gleichzeitig: Ein Pillchen hier und da schadet auch nicht. Oder: A pill a day keeps the doctor away? Wieder mal diese Ambivalenz, die dieses Land scheinbar in so vielem aufweist.

Und auch hier – wie schon in Teil 1 bezüglich des Plastikmülls – bin ich unsicher: Handelt es sich um Naivität? Wenn etwas frei verkäuflich ist, dann kann es nicht schaden (siehe Gentechnik)? Oder ist es der Unwille, sich mit den Konsequenzen des eigenen Handelns auseinanderzusetzen? Oder vielleicht einfach eine Systemgläubigkeit und die pure Lust auf Konsum? Oder steckt hier ein amerikanischer Optimierungswahnsinn hinter? Ich bin perfekt, aber die Schmerzen, die mein beruflicher und privater Life-Style verursacht, die schlucke ich mit einer oder auch zwölf kleinen grünen Pillen weg? Damit ich auch ja weitermachen kann, nicht versage, dem American Dream des Immer-Mehr dienen kann?

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