Grüezi God!

“Now I’m A Believer” (Smash Mouth)

Mit Statistiken und Zahlen zu Religion und den USA will ich euch ausnahmsweise mal nicht nerven. Dass es sich bei Amerika um ein sehr kirchlich stabiles Land handelt (mensch beachte hier meine vorsichtige Formulierung), das ist kein großes Geheimnis, meine ich. Ist ja auch eins dieser Klischees. Aber auch hier herrscht eine für mich Mitteleuropäerin nicht nachvollziehbare Mentalität.

Da fahren wir mit unserer Reisegruppe über kleine Dörfer. Plötzlich schaltet sich raschelnd das Mikrofon ein, und unser Reiseleiter teilt uns Folgendes mit: „Das hier ist eins der Dörfer, in denen es mehr Kirchen als Menschen gibt. Und: Das war auch nie anders!“ Absurd, oder? Ich hab da lange drüber nachgedacht. Gerade sein Nachsatz bedeutet ja, dass es sich nicht mal um eine Kleinstadt gehandelt hat, der ihre Gläubiger irgendwann abhandengekommen sind. Folglich müssen heutzutage die Einwohner in mehrere Kirchen gehen. Den Grund dafür hab ich nicht rausgefunden. Erklären kann ich es mir auch nicht.

Feststeht, dass die Amerikaner (alle natürlich) nicht nur verhältnismäßig oft Andachten besuchen, sondern tatsächlich auch die Anzahl an Religionsgemeinschaften unheimlich hoch ist. Während wir Otto-Normal-Europäer meistens nur in Weltreligionen unterscheiden – und denken? –, unterteilen die Amerikaner da glaubenstechnisch noch sehr viel mehr in ein Klein-Klein, allein beispielsweise was das Christentum angeht.

Aber mit dieser (vermeintlichen?) Frommheit – ich nenne es jetzt einfach bewusst mal nicht Glauben – kommt noch eine ganz andere Konsequenz: Prüderie. Mit dieser Gläubigkeit lässt sich nämlich plötzlich unheimlich viel begründen: Kein Sex vor der Ehe, ein bestimmter Kleidungsstil, der durchaus oft weniger offenherzig ist als hierzulande, eine Traditionsverbundenheit, Verhaltensregeln, was Dates, Küssen in der Öffentlichkeit und ähnliches angeht. Auch dass die Amerikaner in der Regel viel früher heiraten (sonst wird das ja auch nix mit dem Geschlechtsverkehr!).

Aber ob das alles immer so ehrlich und im Sinne des göttlichen Erfinders ist, das wage ich zu bezweifeln. Ich habe vielmehr den Eindruck, es handelt sich da nicht nur um eine prima Rechtfertigungsstrategie, sondern auch darum, soziale Kontakte zu pflegen sowie dem allgemeinen Erwartungsbild zu entsprechen. Als guter US-Amerikaner hat man eben einer Kirchengemeinschaft anzugehören und dann bitteschön auch regelmäßig. Sonst ist man kein guter Christ/Muslim/Hindu/was-auch-immer und ein guter US-Amerikaner sowieso nicht. Dass sich das auf dem Rücken einer Glaubensgemeinschaft abspielt, ist zwar moralisch irgendwie fragwürdig, aber schaden tut es wiederum auch nicht.

Religionsfreiheit ist entsprechend ein riesiges Thema. Eine Säule der Gesellschaft. Ich habe allerdings den Eindruck, dass diese Freiheit nicht nur unfreier ist als die sonstigen gesellschaftlichen Haltungen, sondern auch unfreier macht. Das ist ein bisschen wie andere Erwartungshaltungen in den USA: Wenn du nicht den American Dream verfolgst und tief verwurzelt daran GLAUBST, dann bist du nichts wert. Nicht echt.

Der Glaube aber sollte doch meiner Meinung nach woanders herkommen als aus gesellschaftlichen Erwartungen. Hier sind wir dann wieder auf der ethisch-moralischen Ebene. Dessen Ausleben ebenfalls. Und die Konsequenzen sollten doch vielleicht individueller sein, als in abgelesenen Regeln zu bestehen und sich an diese zu klammern. Aber vielleicht bin ich da zu sehr Kant als Luther?

Auf zum Sunday Assembly!

 

Wer doch Zahlen möchte, widme sich beispielsweise der englischen Wikipedia-Seite zum Thema.

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