United States of Absurdica – Teil 5 – I Walk My Way

“These Boots are Made for Walking” (Nancy Sinatra)

Der Germane liebt sein Auto. Der Amerikaner liebt sein Auto immer eins mehr als der Deutsche. Vielleicht stimmt das gar nicht so ganz: Denn während der Deutsche eine Beziehung mit seinem vierrädrigen, treuen, wunderschönen Gefährten führt, wohnt der Amerikaner in einem geliebten, nützlichen, praktischen Gebrauchs- und Alltagsgegenstand. Mal wieder ein Clash der Mentalitäten. Aber Liebe, wem Liebe gebührt.

So ein Auto ist ja einfach was Praktisches, das lässt sich ja überhaupt nicht abstreiten: Ganz fix, ganz warm, ganz komfortabel bringt es einen von Ort zu Ort. Und zwar zu exakt den Plätzen, zu denen man möchte. Nicht wie so eine läppische U-Bahn, die nicht direkt vorm Café hält. Da muss man noch mindestens hundert Schritte laufen! Muskeln anstrengen (dann doch lieber schnell mal ins Fitti gurken), gegebenenfalls nass, kalt oder sonnenverbrannt werden! Denken wir an sowas Widerliches wie Wetter, hat so ein Auto schon Vorteile. Die ganzen Nachteile zwecks Kosten, wieder Wetter, Pflichten, Parkplätzen etc., die schweigen wir jetzt einfach mal tot.

Mir war durchaus bewusst, dass der Amerikaner ein besonderes Verhältnis zu Autos hat. Das bekommen wir nicht nur in jeder US-amerikanischen Serie vermittelt, sondern auch in sämtlichen Klischees, die es über die Staaten gibt. Dass diese Vorurteile aber tatsächlich ausnahmslos bestätigt wurden und sogar noch in Übertreibungen Raum finden konnten, damit hätte dann sogar ich krittelnde Realistin nicht gerechnet.

Der Amerikaner wohnt in seinem Auto. Dazu gehört nicht nur eine vollständige Ausstattung an Nahrungsmitteln und Getränken in To-Go-Bechern (Warum heißen die eigentlich nicht konsequent: To-Drive?), sondern auch an technischen Hilfsmitteln sowie einem halben Kleiderschrank. Im Zweifelsfall – behaupte ich – könnte der Durchschnitts-Amerikaner zwei Wochen in seinem Auto überleben. Vorausgesetzt, ihm begegnet kein einziger Drive-Thru, das würde die Aufenthaltsdauer nochmal exorbitant erhöhen.

Eine kleine Anekdote dazu: Ich sitze abends in einem Restaurant und komme mit der Bedienung ins Gespräch. Wir quatschen über meine Reise, die Stadt, das Hotel. Es ist ungefähr 20 Uhr abends, es dämmert. Entsetzt schaut sie mich an: „You wanna walk to the hotel?“ Mein Hotel liegt ungefähr 20 Gehminuten entfernt, mitten in einer Shopping-Gegend, schönes Wetter. Ich bejahe. Die Deutsche (ich) findet diesen Gedanken nicht besonders absurd. Die Amerikanerin ist nahezu schockiert. Ich denke, mit meinem Vorhaben habe sie komplett aus der Fassung gebracht. Sie hat übrigens nicht aufgegeben und mir die öffentlichen Verkehrsmittel sowie das Taxisystem erklärt, was ich beides dankend ablehnte. Sie war fertig mit den Nerven und sagte am Ende nur noch kleinlaut: „But … It’s dark outside!“ Ihr seht: Ich habe sie überlebt, die gefährliche amerikanische Dunkelheit. Ich habe sie zu Fuß unter Straßenlaternen bekämpft wie Wonder Woman … Okay, ich höre schon auf!

Interessant waren auch Briefkästen, die nicht auf dem Bürgersteig zu finden waren, sondern mitten auf der Straße. Der (imaginäre) Fußgänger hätte also erstmal die Straße überqueren müssen, um sein Geschriebenes loszuwerden. Der Autofahrer hat sich nur aus dem Fenster beugen müssen. Gut gedacht für den fahrenden Mainstream.

Den Vogel abgeschossen hat dann schließlich mein Flughafenhotel in Newark (bei New York): Es war mir schlicht nicht möglich, das Gelände per pedes zu verlassen. Ich habe es wirklich und in aller Ernsthaftigkeit versucht. Etwa eine halbe Stunde in jeder Richtung. Auf der einen Seite hätte ich mein Leben riskiert, auf der anderen stand ich einfach vor Mauern. Bürgersteige endeten im Nichts, Übergänge gab es nicht. Als ich eine nette Mitarbeiterin an der Rezeption fragte, wie ich denn nach Downtown Newark kommen könne, schaute sie mich lange an. „By train?“ Jaja, das war mir schon klar, aber es war ja nicht weit (etwa 15 Minuten, sagte Google Maps). Wieder ein langer Blick. Dann erklärte sie mir, sie käme aus Newark, aber sei noch nie zu Fuß in die Innenstadt gegangen. Noch nie. Daraufhin war wiederum ich so fassungslos, dass ich aufgab und mir den Flughafen anschaute (nicht empfehlenswert, echt langweilig).

Bürgersteige, Übergänge, Zebrastreifen – all das ist teilweise wirklich Mangelware. Und so müssen wir anerkennen, dass der Amerikaner sein Auto zwar als Gebrauchsgegenstand liebt, aber das durchaus auch eine Frage von Huhn und Ei ist: Wenn ich als Fußgänger aufgrund der genannten Bedingungen keinen Spaß unterwegs habe, dann nehme ich beim nächsten Mal eben lieber wieder das Auto. Und wenn es durch Fußgänger oder solche, die dazu werden wollen (und warum sollte man bei den Bedingungen und Spritpreisen?) keine Anregungen gibt, dann verändert sich an den Bedingungen eben auch nichts. Ganz abgesehen von der Sozialisation: Wer von Kindesbeinen an per Schulbus zur Schule gefahren worden ist, statt wie unsere ABC-Schützen an Mamis Hand zu Fuß, dem erscheint „zu Fuß“ vielleicht schon erstmal alienesk. Huhn und Ei.

Folglich ist es zu kurz gedacht, den Amerikaner wegen seiner Liebe und Eindimensionalität bezüglich des Fahrens zu verurteilen. Verurteilenswert wäre (mal wieder) eine gewisse Gedankenlosigkeit. Allein die Idee, zu Fuß zu gehen und etwas an der Stadtgestaltung zu verändern, damit genau das komfortabler wird – hat ja Vorteile, wenn wir nur mal ganz, ganz kurz beispielsweise an Klimawandel und Gesundheit denken –, kommt den meisten leider gar nicht in den Sinn. Dann ist mir die deutsche, immer noch ambivalente, Einstellung noch ein kleines bisschen lieber: Die, die zwar zwei Minuten zum Bäcker fahren und sonntags das heißgeliebte Teil polieren, die aber gleichzeitig in die Innenstadt laufen und nach der Politur wandern gehen (okay, meistens vom Parkplatz aus, ich geb es zu).

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