Wolke 4

GefühlszaunWarum Lieder uns manchmal ein ganz krudes Bild von Beziehungen vermitteln…

Ob naiv oder nicht: Ich glaube fest daran, dass wir nicht nur unsere Kultur machen, sondern unsere Kultur auch uns. Dass Texte, Lieder, Theater uns beeinflussen und unser Denken und Handeln prägen. Lasst die großen Soziologen diese These meinetwegen diskutieren, aber ich bin überzeugt davon. Zumindest wenn wir reflektieren, was wir da wahrnehmen. Und da gibt es im Musikbereich Beispiele, bei denen ich mir verwundert mein Köpfchen kratzen muss und mir Sorgen mache.

Am meisten ärgert mich da momentan „Wolke 4“ von Philipp Dittberner, bei dem ich den Eindruck hab, dass das nur gespielt wird, weil es eben so hübsch klingt. Aber hat mal jemand hingehört und drüber nachgedacht, was die Aussage dieses Lieds ist?

„Lass uns die Wolke 4 bitte nie mehr verlassen,
Weil wir auf Wolke 7 viel zu viel verpassen.
Ich war da schon ein Mal, bin zu tief gefallen.
Lieber Wolke 4 mit dir, als unten wieder ganz allein.“

 

Da hat jemand schlechte Erfahrungen in einer Beziehung gemacht. Konsequenz für ihn? Die ganz tiefen Gefühle lieber gar nicht mehr zulassen. Das hört man als neuer Pärchenpartner doch gerne: „Mit dir ist es schön – und weil ich für dich nicht so tief empfinde, kannst du mir auch nicht wehtun.“ Super. Wenn das nicht nach der ganz großen Liebe klingt, dann weiß ich auch nicht.

Oder zwei ältere Beispiele dafür, dass wir uns scheinbar lieber anschweigen und belügen lassen, statt die Wahrheit über unsere Partner zu kennen:

“You and me
We used to be together
Every day together always
I really feel
I’m losing my best friend
I can’t believe
This could be the end
It looks as though you’re letting go
And if it’s real
Well I don’t want to know

Don’t speak
I know just what you’re saying
So please stop explaining
Don’t tell me ’cause it hurts
Don’t speak
I know what you’re thinking
I don’t need your reasons
Don’t tell me ’cause it hurts

“Don’t speak” von No Doubt. Klassiker. Und ich gebe zu, dass ich den gerne laut mitsinge. Aber was da gesagt wird, das ist doch irgendwie fragwürdig. Es tut zu weh, dich zu verlieren, also sag mir lieber nicht, was los ist. Und die Gründe, die ich eigentlich kenne, die will ich auch erst gar nicht hören, ist nämlich auch zu schmerzhaft. Hm. Okay.

Mario Winans sang einst im Prinzip dasselbe:

“Oh baby, I think about it when I hold you,
When looking in your eyes, I can’t believe,
I don’t need to know the truth,
Baby, keep it to yourself.

I don’t wanna know if you’re playin’ me, keep it on the low,
‘Cause my heart can’t take it anymore.
And if you’re creepin’, please don’t let it show,
Oh baby, I don’t wanna know…

Ich denke zwar die ganze Zeit daran, was für einen Mist du machst und wie sehr du mich verletzt, aber explizit sagen musst du mir das jetzt auch nicht. Denn das würde mein Herz nicht ertragen. Moment mal: Das Herz würde das nicht ertragen? Aber es erträgt wochenlange, jahrelange Verlogenheit? Das Gefühl, etwas stimme nicht? Mal ganz im Ernst, das kann doch nicht besser sein.

Oder vielleicht erinnern sich auch einige von euch noch an Yvonne Catterfeld. Wenngleich in seiner Schnulzigkeit nahezu unerträglich, eigentlich ein schönes Lied, dieses „Für dich“. Aber dann:

„Für dich schiebe ich die Wolken weiter,
sonst siehst du den Sternenhimmel nicht.
Für dich dreh’ ich so lang an der Erde,
bis du wieder bei mir bist.
Für dich mach ich jeden Tag unendlich,
für dich bin ich noch heller als das Licht.
Für dich wein’ und schrei‘ und lach‘ und leb‘ ich,
und das alles nur für dich.“

Bis auf die letzten zwei Zeilen bin ich beim Writer. Für jemanden, den man liebt, tut man schon mal ordentlich was. Da setzt man das Firmament ins Rollen. Oder so. Aber ich lebe nicht für jemanden. Außer für mich selbst. „Das alles nur für dich“? Nein, das ist wie eine Diät für jemand anderen. Funktioniert nicht. Nie, nie, niemals dürfen wir uns selbst aufgeben. Genau das aber wird hier proklamiert.

Christina Stürmer macht es kaum besser:

„Ich lebe,
Weil du mein Atem bist.
Bin müde,
Wenn du das Kissen bist.
Bin durstig,
Wenn du mein Wasser bist.
Du bist für mich mein zweites Ich.

Komm, lebe,
Weil ich dein Atem bin.
Sei müde,
Wenn ich dein Kissen bin.
Sei durstig,
Wenn ich dein Wasser bin.
Ich bin für dich dein zweites Ich.“

Auch hier: komplette Selbstaufgabe. Und dann noch der Oberhit: Jemanden aufzufordern, genauso zu empfinden. Das funktioniert noch weniger als irgendeine 3-Wochen-Kohl-Diät. Und warum sollte ich von jemand anderem Selbstaufgabe fordern? Warum bin ich nicht zufrieden mit dem, was der andere bereit ist, zu geben? Wenn es da schon nicht stimmt, dann ergibt vielleicht die ganze Beziehung keinen Sinn? Dann passt man vielleicht einfach nicht zusammen, weil die Vorstellungen und Erwartungen offenbar zu unterschiedlich sind. Soll es geben. Und muss man dann auch hinnehmen, weil es alles andere offenbar nicht funktioniert. Und nicht funktionieren heißt in diesem Fall: in Selbstaufgabe enden. Und Selbstaufgabe endet nie im Glück. Kann sie gar nicht. Lieber Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende. Der Spruch mag doof sein, unwahrer macht es ihn nicht.

Auf den Gipfel treiben das übrigens Revolverheld mit ihrem dämlichen (Verzeihung!) „Ich lass für dich das Licht an“:

„Ich lass für dich das Licht an, obwohl’s mir zu hell ist.
Ich schaue mir Bands an, die ich nicht mag.
Ich gehe mit dir in die schlimmsten Schnulzen.
Ist mir alles egal, Hauptsache, du bist da.“

Welches verzweifelte Problem muss der gute Mann denn damit haben, allein zu sein, wenn ihm all das egal ist, solange die anspruchsvolle Zicke da ist? Zu einer Beziehung gehört unbedingt Rücksichtnahme, da bin ich ja absolut dabei. Ich finde es toll, wenn mein Partner auf mich eingeht und mich auf ein Konzert begleitet, bei dem er nicht mit dem Herzen dabei ist. Sich einfach mal auf was Neues einlässt. Wenn er mal das Licht anlässt, obwohl er schlafen will, weil ich noch was ganz Wichtiges oder Spannendes lese. Aber: Das muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Wenn einer immer nur gibt und der andere immer nur nimmt, wenn es zu einem „Ist mit alles egal, Hauptsache, du bist da“ kommt, dann läuft etwas ganz Grundlegendes schief.

Welches Bild vermitteln uns solche Lieder? Welche Vorstellungen von Beziehungen geben sie uns? Und von der eigenen Stärke? Lieber nicht zu viel riskieren, lieber mit dem Klein-Klein zufrieden geben, als das Große zu willen. Nur nicht nach der großen Liebe und einem verlässlichen, treuen Partner suchen, das ist zu viel verlangt. Lieber froh sein, wenn man überhaupt jemanden hat. Denn stellen wir uns nur mal vor, Single zu sein. Welch Schande. Welch Gesichtsverlust. Da können wir ja nur schlechte Menschen sein.

Ich habe nichts gegen Gefühle in der Musik. Die wären auch gar nicht wegzudenken. Wahrscheinlich haben rund 99% aller Lieder etwas mit Beziehungen zueinander zu tun. Ich bin gegen dieses respektvolle Aufopfern. Halten wir uns doch zukünftig mal wieder öfter an Aretha Franklins „Respect“.

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