Wortschatz: Konjunktivitis

„Ich würde einen Kaffee nehmen!“, „Ich hätte gerne einen Termin!“, „Ich müsste mal auf die Toilette.“, „Ich sollte das wirklich mal anders machen.“ Ja, dann mach doch.

Alles Beispiele für falsch eingesetzte Konjunktive und Modalverben. Mir war das lange gar nicht so bewusst, aber es stimmt schon: Der Deutsche neigt sprachlich zu Unverbindlichkeit oder falsch verstandenen Höflichkeitsformulierungen. Wir hauen nicht mehr mit der Hand auf den Tisch und sagen knallhart, was wir wollen. Wir tun es konjunktivisch hintenrum. Um unser Gegenüber davon zu überzeugen, was für nette Menschen wir sind.

Dabei stimmt es ja nicht. „Ich würde ein Mehrkornbrötchen nehmen.“ müsste (hier ist der Konjunktiv übrigens korrekt!) von der grammatischen Logik zu folgender Reaktion des Bäckers führen: „Wenn was?“ oder – wenn er ganz brutal und konsequent ist: „Ja, dann nicht.“ Denn der Konjunktiv drückt eine Möglichkeitsform aus: Ich würde das Brötchen nehmen, wenn es regnet. Wenn es verfügbar ist. Wenn Sie es mir geben. Eine Aufforderung enthält er – rein linguistisch – nicht. So benutzen wir ihn aber.

Der Konjunktiv ist also sowas wie das neue Bitte. Wir könnten (auch hier ist er korrekt) einfach sagen: „Ein Mehrkornbrötchen, bitte!“ oder „Ich nehme/bekomme bitte ein Mehrkornbrötchen.“ Tun wir aber nicht. Da könnten (schon wieder korrekt!) wir ja als unflätig gelten. Stattdessen lieber: „Ich hätte gerne…“ Warum wir uns da so in der Unlogik unserer eigenen Sprache verlieren und das mit Höflichkeit gleichsetzen und verwechseln, das weiß ich gar nicht zu sagen.

Ist es die Angst vor Ablehnung, wenn wir zu direkt sind? Ist doch wurscht, der Deutsche gilt doch eh als rabiat, ehrlich und kackdreist. Was spricht dagegen zu sagen: „Ich möchte einen Kaffee!“? Das klingt nicht mal fies unhöflich, oder?

„Ich will den Job“ sollte man dagegen vielleicht nicht unbedingt in eine Bewerbung schreiben, obwohl der Inhalt an sich richtig ist. „Ich möchte sehr gerne für Ihr Unternehmen arbeiten.“ klingt aber doch nicht unhöflicher oder dreister oder Ich-nehme-mir-immer-alles-was-mir-zusteht-oder-auch-nicht-mäßiger als „Ich würde gerne für Ihr Unternehmen arbeiten.“, oder?

Was also spricht dagegen, die Unverbindlichkeit loszulassen? Haben wir Angst davor, uns festzulegen und dann enttäuscht zu werden (es KÖNNTE ja kein Mehrkornbrötchen mehr geben)? Wenn ich ausspreche, etwas definitiv und nicht Konjunktiv haben zu wollen – so richtig, mit vollem Herzen – und dann bekomme ich das nicht, ist das dann schmerzhafter als die Erkenntnis, ja noch andere Optionen gehabt zu haben?

Vermutlich machen wir uns aber einfach zu wenig Gedanken und neigen zu sprachlichen Automatismen. Die aber lassen sich ändern. Könnte man ja mal mit anfangen ;).

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