Zivildummheit

Warum ich lieber blöd bin und mich selbst gefährde, als meinen Mund zu halten …

Stellen wir uns mal vor, da wird jemand im Bus neben uns angepöbelt. Weil er keine Mark übrig hat, weil er schwul aussieht, weil er alt ist, weil er schwarz ist. Weil er zu irgendeiner vermeintlichen Randgruppe und oder oder Minderheit gehört. Was machen wir? Wie reagieren wir? Wie verhalten wir uns korrekt? Ich habe keine Ahnung.

Ich bin jemand, der sich grundsätzlich damit schwertut, den Mund zu halten. Auch dann, wenn es besser für mich wäre. Ich messe allerdings nur wenig mehr als 1,60m, bin nicht besonders kräftig und eher schlaksig gebaut. Körperlich habe ich einem Pöbler also schon mal herzlich wenig entgegenzusetzen. Sprachlich und intellektuell dagegen umso mehr, behaupte ich jetzt mal, ohne eingebildet klingen zu wollen. Nur: Was bringt mir das im Kampf um Leib und Seele?

Im besseren Fall kommt es natürlich gar nicht dazu. Aber einschätzen lässt es sich vorher eben auch nicht. Gerade wenn ein gewisser Alkoholpegel im Spiel ist. Oder eine gewisse, deutlich zur Schau getragene politische Überzeugung, die irrationale Aggressionen im Hintergrund vermuten lässt. Habe ich kleine, schwache Frau genug Courage für Zivilcourage? Genug Mut gegen viel Wut?

Wie verhalte ich mich richtig in einer solchen Situation? Lieber ignorant, um mich selbst zu schützen? Das könnte ich nicht mit mir vereinbaren. Dazu ist mein Unrechtsbewusstsein und mein Gerechtigkeitssinn zu stark ausgeprägt. Dazu rede und handle ich zu oft zu schnell. Vermutlich auch schneller, als mein rationales Hirn arbeitet.

Beistand und Hilfe suchen. Die Polizei rufen. Klar. Das sind alles die vernünftigen Wege. Würde ich auch machen. Aber meine Klappe halten könnte ich aller Wahrscheinlichkeit nach trotzdem nicht. Und ja, vielleicht bringe ich mich damit in Gefahr. Aber im Zweifelsfall kann ich damit tausendmal besser leben (oder – makaber! – sterben), als mit dem Gefühl, feige und irgendwie auch egoistisch geschwiegen zu haben. Nicht genug getan zu haben. Jemanden im Stich gelassen zu haben.

An diesem Punkt wird Zivilcourage dann wahrscheinlich zu Zivildummheit. Aber Mut und Dummheit liegen oft nah beieinander. Ich glaube, ich lasse mir lieber vorwerfen, dumm, riskant und fahrlässig gewesen zu sein als lethargisch.

Da denke ich auch pragmatisch gesamtgesellschaftlich: Wenn alle schweigen und sich keiner auflehnt, obwohl wir das Unrecht sehen, dann landen wir da, wo wir vor rund siebzig Jahren schon einmal waren.

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